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Erste Fahrt zum Hohenkrähen

Altes Burghaus, 12. September 1955
Drei Stunden fuhr ich mit dem Motorroller durch drei Gewitter. Die Jacke habe ich ausgewunden, das alte Lederhemd hat das Gröbste noch abgehalten, die Hose klebt mir wie nasses Fensterleder an den Beinen, aus den Schuhen habe ich das Wasser gegossen. Haku, der Burgvogt, und Ente waren hier, und nun stinkt das ganze Burghaus stechend nach Salmiak, denn sie haben das alte Holzwerk damit abgewaschen. Welche Arbeit steht dem Grauen Reiter hier noch bevor! Bin ja heute zum ersten mal da. Wenn es nichts so blöd wäre, möchte ich den Satz zitieren: "In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen . . ." Ich krame in meinem Rucksack. Alles klatschnass. Ein alter Ofenveteran unten in einem Raum ohne Fußboden bringt mich auf die Idee, ein Ofenrohr zu suchen. Und tatsächlich, ich finde eines in einer Brennesselwildnis. Mit Steinen - Klingsteinen hämmere ich es zurecht, baue den Ofen zusammen und führe das Rohr zu einer Fensterluke hinaus.

Der Vogt und Ente sind längst fort, ich suche Holz zusammen, baue mir aus Steinen einen Sitz, eine große Klingsteinplatte dient mir als Tisch. Der Ofen brennt, doch nun das Wichtigste, mein Malpapier muss getrocknet werden. Wasser im Kochgeschirr brodelt - Tee. Trost der Dinge: Mein Lappenmesser vom alten 85-jährigen Bjonsen Kenil - ist lang schon tot, mein alter Kohtenvater in der Jukkasjärvi-Lappmark. Der Wolfsbecher, hab ihn selbst geschnitzt, meine Aquarellfarben, mein Pinsel. Schlafsack - Kamerad der Feldzüge in West und Ost. Der Rucksack auch, barg einst das Letzte in den Gefangenenlagern. Nun brodeln neue Gewitter heran. Windstöße, Donner brüllt in den Felswänden, Steine poltern herab. Bin eingesponnen in das alte Krähenhaus werde jetzt Tee trinken. Der Graue Elch meinte: "Schreib mal was, wenn Du auf die Burg kommst, egal was!" Also ich schreibe, aber vorher eine Pfeife stopfen, meine alte Soldatenpfeife, selbstgemacht aus Weichselkirschholz - "Tobaco, Speise der Seele", würde jetzt Henning, frei nach Löhndorff zitieren. Gepolter im Haus. Ist denn so was möglich, bin ich denn nicht allein hier? Bin ich ausgezogen wie der Hans im Märchen, der das Gruseln lernen wollte? Der Poppele?? Mensch, rede ich mir ein, der ist doch längst tot, spukt zwar noch als Geist um den Krähen - da, wieder dieses Tapp, Topp, Tapp auf der Treppe und im Flur. Taschenlampe her, Lichtstrahl - nichts! Unheimliche Nacht, der Sturm rüttelt an dem alten Haus. Geisterstunde. Gute Geister will ich in die Erinnerung bannen. Die Pfeife frisch gestopft - Tabakdose, liebes Stück, vom alten über 90-jährigen "königlich-kaiserlichen Hoflithographen" in Potsdam geschenkt bekommen zufällig kennen gelernt im Park von Sanssouci - Atempause auf einer Fahrt von der Front in die Heimat. "Nehmen Sie, mein sehr verehrter Herr Lithographenkollege und Landser, diese Tabakdose, sie wurde einem meiner Vorfahren von seiner Majestät Friedrich dem Großen überreicht - ich brauche die Dose nicht mehr." Weiteres Zwiegespräch: "Gedenken Sie, lieber Kollege, nach dem Krieg wieder am Stein (Lithographiestein) zu arbeiten?" Antwort: "Ja, mein Herr Kollege!" "Denken Sie nach dem Kriege daran, was Sie hier sagten."

Ich dachte daran. Ich arbeite am Stein. Ich lehre, wie man am Stein arbeitet. Gedenke auch des königlichen Lithographen von Sanssouci und halte seine Tabakdose in Ehren. Auf dem Deckel Gravierung 1768. Rückseite, vielleicht ein Spruch von Voltaire? Grübelei: Würde die Dose für nichts in der Welt hergeben. Wer könnte sie nach mir bekommen? Doch vorerst mal Rauchwolken.

Schon wieder dieses Poltern und - topp, topp, topp im Haus - ein schrilles Quietschen. Mensch! denke ich, Haselmäuse, Siebenschläfer sind im Haus! Taschenlampe, der Lichtstrahl gleitet zur Decke empor. Wer sitzt da auf einer herunterhängenden Leiste? Ein dicker, fetter Siebenschläfer. Schwarze Maske im Gesicht, die schlauen Äuglein blinzeln, Schwänzchen buschig, wie bei einem Eichhörnchen. Freundlicher Gedanke: Bin nicht allein!

Immer noch rauscht der Regen. Die Burg Hohenkrähen. Der Bund. Einer soll den andern kennen. Die Organisation BDP liegt hinter uns. Der Krähen steht für uns am Anfang, sowie einst für die alten Nerommen die Waldeck. Zehn Jahre Aufbau stehen vor uns. Es geht weiter, Jabonah!
- Schnauz -

E l f   J a h r e   s p ä t e r:
Das "Alte Burghaus" ist ausgebaut. Auf der Ruine des alten Burgstalls wurde das "Graue-Reiter-Haus" gebaut. Das Schwerste liegt hinter uns. Die Unkenrufe: Ihr werdet daran zerbrechen! sind verhallt. Immer wieder formieren sich Bauhütten, die an den Häusern arbeiten. Eine Schmiede ist nahezu fertig, eine Werkhütte wird entstehen. Das Bauen wird nie ganz aufhören - aber es wird uns nicht über den Kopf wachsen. Geld? Das Füllhorn des Bundesjugendplans wurde nicht über den Grauen Reiter und seine Burg ausgeschüttet. Was solls? Wir brachten es selbst auf. Schwerwiegender Satz, lieber Leser! Tausende und Abertausende! Nun, Du wirst alles sehen, wenn Du uns mal besuchst. Die Ruinen der oberen Burg wurden indessen restauriert durch Fachleute, das Geld gab die Familie von Reischach und der Staat.

(aus: Der GRAUE REITER 106/107, S. 15 ff.)

 

 

 
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.