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Von echten Kohten und Jurten

Das Wort Kohte heißt schlicht und einfach kleines Haus. In der englischen Sprache gibt es zum Beispiel cote = Schuppen, Stall oder cottage = Hütte. In alten deutschen Wörterbüchern steht Kote = Hütte, Häuslerwohnung / Kothe = kleines Haus ohne Land / Kotten = kleine Hütte und die Leute, die darin wohnten, nannte man Kotsassen oder auch Kötter. Auch der Köter, Inbegriff eines gerade nicht gepflegten aber pfiffigen und rauflustigen Hundes kommt daher, er bewachte nämlich die Kohte.



1) Parabelbogenkohte, die klassische Lappenkohte  - 2) Gerüst der Grassodenkohte

Bei uns hat sich die Schreibweise Kohte eingebürgert (d. h. hinter dem o) und damit meinen wir "unser" Zelt. Die Lappen sagen zu ihrer Behausung je nach Stamm Kate, Kata oder Kohte. Auch dort bedeutet das Wort Behausung. Es gibt verschiedene Arten von Lappen-Kohten. Da ist einmal die klassische Kohte mit den Parabelbögen (Otnorissen). Die Bogenstangen des Kohtenrahmens werden dabei aus je zwei Kiefern oder Birken hergestellt. Am höchsten Punkt werden die Bogen durch die Rauchstange verbunden. Als Kohtenhaut dienten früher Birkenrinde oder Rentierfelle. Heute werden aber auch dicke Zeltplanen verwendet. Diese Bogenstangenkohte wird das ganze Jahr über benutzt und die Bogenstangen werden auch vielfach mitgenommen, die Rentiere schleifen sie nach. Die Grassodenkohte wird oft jahrelang bewohnt. Sie bleibt natürlich immer auf dem gleichen Fleck. Die anderen Formen wie Stangenkohte oder Wächterkohte (mit einem oben eingeflochtenen Ring) werden auf der Wanderschaft benutzt. Die Rahmengestelle bleiben stehen, man nimmt nur die Zelthülle mit.



3) Stangenkohte - 4) Wächterkohte mit eingesetztem Ring

Björn Collinder schreibt in seinem Buch "The Lapps": "Das Lappenzelt ist ein kleiner Kosmos für sich. Alle Haushalts- und Gebrauchsgegenstände werden nach der Benutzung wieder an ihren Platz gestellt. Nichts geht verloren, wird beschädigt oder vernachlässigt. Pflichten und Aufgaben aller Mitglieder eines Lappenhaushalts sind nach altem Brauch geregelt und aufgeteilt; in gleicher Weise gebühren den Bewohnern oder den unterschiedlichen Gästen ihnen zugeordnete Plätze, je nach dem, näher zur Rückseite hin oder näher beim Eingang."

Schauen wir uns die lappische ldealkohte mal näher an: Vom Eingang her führt ein schmaler Gang (Akse) zur Feuerstelle (Errem). Rechts im Gang liegt zunächst gespaltenes Holz, dann Reisig und dann kleine Stückchen Birkenrinde. Muss jemand in der Nacht heraus, oder sucht etwas und das Feuer ist ziemlich niedergebrannt, wirft er entweder ein Stückchen Birkenrinde in das Feuer oder spießt ein Stückchen Rinde an einem Stab auf. Sofort hat man helles Licht. Natürlich ist Birkenrinde auch ideal zum Feueranzünden. Hinter der Feuerstelle ist ein weiterer Gang, genannt Puaschu. Hier ist die Küche und zugleich auch der heilige Ort, an dem die Truhe oder gegebenenfalls die Schamanentrommel aufgehoben wird. Auch ein besonders geehrter Gast darf am Ende des Puaschu Platz nehmen. In der Regel sitzen die Gäste jedoch dem Hausherrn getrennt durch den Puaschu gegenüber. Lappen, die noch auf Tradition halten, tragen auch ihre Toten durch den Puaschugang hinaus und machen dort dann die Planen auf. Bei den Lappen besteht die Kohtenhaut nämlich in der Regel aus zwei Teilen. Man beginnt, sie am Eingang anzulegen (anzubinden) und am Ende des Puaschu überlappen die Teile. Hier wird auch bei zuviel Rauch geöffnet, genau wie wir ja (bei gelernten Kohtenbauern) gegenüber dem Eingang ein oder zwei Schnüre nicht schnüren, um bei Rauch hier ein Stöckchen einklemmen zu können, um wieder Luft zu bekommen.

Beide Gänge (Puaschu und Akse) und die Feuerstelle sind in der Regel durch frische Baumstämme begrenzt. Damit wird verhindert, dass das Sitzreisig im Wege ist oder Feuer fangen kann. über das Sitzreisig werden Felle gelegt. Von den Seitenstangen herab hängen Regale und Kleidungsstücke. Das geht natürlich bei unseren heutigen Pfadfinderkohten nicht. Aber bei der gebräuchlichen Form unserer Jurten, besonders aber der Fünferjurte, lassen sich ideale Konstruktionen anwenden.



Eine echte Lappenkohte ist natürlich weitaus geräumiger als unsere gebräuchlichen Kohten. Auf dem Bild sitzt der hochgeehrte Gast im Puaschu, im Vordergrund der Aske-Gang. Das Bild wurde durch den Eingang fotografiert.

Mehr noch als bei den Kohtenvölkern unterliegt das Leben der Jurtenvölker ganz bestimmten Regeln in ihrer Behausung. Das Wort Jurte kommt aus dem Russischen und bedeutet in seinem Sprachstamm ebenfalls Haus. Ähnlich wie bei der Kohte gibt es bei der Jurte die verschiedensten Formen, die klassische Form ist die Mongolenjurte. Die Seitenwände werden aus einem Jägerzaun (genannt Khana) gemacht, der dann mit einem Spannband umgeben und am Türrahmen festgebunden wird. Dann werden Seitenstangen in eine "Krone" gesteckt und mit Lederschleifen an der Khana befestigt. Je nach Witterung werden dann mehrere Lagen Filz aufgelegt und mit Schnüren außen festgebunden. Schöne alte Jurten erhielten dann noch eine Bemalung am Dachrand oder ein Kronenornament. Manchmal wurden auch Ornamentstreifen rings um die Khanawände angebracht, manchmal auch nur senkrechte Ornamente rechts und links neben der Tür.





 

 



 



Nach der Errichtung der Khana, einer Art Jägerzaun, als Seitenwand wird die Krone zunächst mit drei Stangen befestigt, dann werden die übringen Stangen eingesteckt und die Filzhaut wird übergezogen.

Die Jurte, so glauben die Nomaden, ist eingebunden in die vier Elemente. Das Jurtendach soll das Himmelszelt darstellen. Über dem Himmelszelt ist natürlich die Luft und darunter die Erde, das Wasser und das Feuer. Deshalb sollte immer ein Feuer brennen und über dem Feuer immer der Tee- bzw. Wasserkessel summen. Die Öffnung des Jurtendaches wird "Auge des Himmels" genannt. Das Auge des Himmels ist die Sonne. Noch verstärkt durch die strahlenförmige Jurtenkrone (ähnlich wie bei unserem Jurtenkreuz), ergibt sich ein Sonnensymbol. Als eines der großen Mysterien galt, Tee in das Feuer zu gießen. Der Tee, der aus der Kraft der Erde gewachsen war und an der Luft getrocknet wurde, vermischte sich mit dem Wasser, und gemeinsam mit dem Rauch des Feuers (den Gedanken) stieg der Wasserdampf zum himmlischen Feuer der Sonne auf. So wurden alle Elemente und Irdisches und Himmlisches vereint.

Streng wurde auch auf ein "reines" Feuer geachtet. Abfälle durften im Feuer nicht verbrannt werden und kein Fremdling, auch kein Ehrengast durfte sich am Jurtenfeuer ein Licht anzünden. Diese Reinheit mag aber auch etwas mit praktischen Dingen zu tun haben, denn über dem Jurtenfeuer wurde auch geräuchert. Auch wir haben früher bei Beginn längerer Lager ein Stückchen Speck oder Dörrfleisch in die Jurtenöffnung zum Räuchern gehängt. Am Schluss des Lagers wurde dann das "Jurtenfleisch" verteilt und gegessen. Dazu wurde zitiert: "Niemand weiß um unsere Mitte, niemand fasset unser Maß - Unerkanntes lenkt die Schritte, dem der unsre Speise aß." Wer mal etwas auf "Abfallfeuer" Geräuchertes gegessen hat, wird den Wert des reinen Feuers zu schätzen wissen.

Eine Besonderheit des Jurtenaufbaus war, dass man sich nach den Himmelsrichtungen orientierte. Der Eingang war zumeist nach Süden. Zu erwähnen ist aber, dass der Wind bei den Jurtenvölkern zumeist aus Norden wehte, der Eingang also der Windrichtung entgegenstand. Von Süden schien aber die Sonne durch den Eingang oder das Himmelsauge auf den Altar im Norden. Der Altar bedeutete auch Licht und stand als Lichtquelle im Norden, da von dort aus niemals die Sonne scheint. Die aufgehende Sonne aus dem Osten beschien durch die Jurtenöffnung zunächst die Männerseite und die milde Abendsonne schien dann aus dem Westen auf die Frauenseite. Eine große Rolle in der Jurtensymbolik spielte nach Art eines Mandala die Quadratur des Zirkels; also die Umwandlung des Kreises der Jurte in ein flächengleiches Quadrat. Das ist ja mit den klassischen Mitteln der Geometrie nicht möglich, eine Lösung bietet nur die Symbolik.

Mandala ist ein Hilfsmittel zur Meditation, ein Diagramm in Form von Kreisen oder Vielecken, teilweise auch mit symbolischen Darstellungen. Es würde hier zu weit führen, darüber zu berichten. Ich habe es erwähnt, damit sich vielleicht einige Ältere mal ausführlicher mit dem Thema beschäftigen können.



Diese Jurte bewohnte der berühmte Asienforscher Sven Hedin bei seiner Zentralasienexpediton. Gegenüber dem Eingang ist hier der Altar mit dem Budda-Bild zu sehen. Die Jurte steht jetzt im Völkerkundemuseum in Berlin.

Natürlich können wir weder die Vorstellungswelt der Lappen noch die der Mongolen übernehmen. In unseren Zelten hat sich viel niedergeschlagen aus allen Kulturen und wir müssen uns ja eine Welt schaffen, in der unser Leben, unser Miteinander in den Gruppen sichtbar wird. Auch hatten die Kohten der Lappen, die Tipis der Indianer oder die Jurten der Mongolen andere Aufgaben zu erfüllen als unsere heutigen Schwarzzelte. Wer einmal im Frühjahr oder Herbst bei nur wenigen Strahlen der Sonne sich fröstelnd in eine schwarze Jurte oder Kohte flüchtete, der war angenehm überrascht von der Wärme, die innen herrschte, auch wenn kein Feuer brannte. Das schwarze Zelttuch zieht Wärme an. Das ist eine Entdeckung, die die Schwarzzeltvölker schon seit über 2000 Jahren kennen. Solche Kenntnisse wurden in neuerer Zeit in der Solartechnik benutzt. Dieses "Wärmeanziehen" kann aber auch bei großer Hitze nützlich sein, wenn man z. B. die Seitenwände der Jurte hochrollt. Dann entsteht unter dem Jurtendach nämlich ein Warmluftstrom, der nach draußen wegzieht. Die Temperatur im Inneren liegt dann etwa 15 Grad tiefer als draußen. Dazu trägt allerdings auch bei, dass ein schwarzes Dach mehr Schatten spendet als ein weißes. Die Schwarzzeltvölker findet man komischerweise von Afrika bis Asien zwischen dem 20. und 40. nördlichen Breitengrad. Die ursprüngliche Farbe der Zelte dieser Leute wurde durch die Farbe des Ziegenhaares der jeweiligen Stämme bestimmt, denn das Zelttuch wurde aus Ziegenhaar gewebt. Die Farben reichten von Braun bis Schwarz. So heißt es im "Hohelied von Salomon" 1,5: "Gebräunt bin ich zwar, aber doch schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte von Kedar und Zeltdecken von Salma."

Zum Schluss bleibt vielleicht noch zu sagen, dass sich der Großteil des Lebens der Jurtenvölker außerhalb der Zelte abspielte. So sollte es auch bei uns sein. Unsere Zelte können ohne ihre Umgebung nicht gedacht werden. Wesentlich ist nicht die äußere Hülle, sondern das Leben, das sich darin und darum abspielt. Hier sollt ihr nach Formen suchen, die unserer Art entsprechen.

(aus: Zeitschrift 1/85, Seite 2 ff.)


 
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.