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  Teil 1 - Dalektik der Aufklärung  
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Dialektik der Aufklärung

Er hatte etwas Geheimnisvolles, dieser schwarze Band mit der silbernen Schrift: "Dialektik der Aufklärung". Ein billiger Kartoneinband, der bald abgegriffen war, ein Kleberücken, der nicht lange hielt. Aber das gehörte zum Geheimnisvollen. Wer das Buch mit sich trug, war ein Eingeweihter, er hatte teil an etwas Inoffiziellem. 1947 war "Dialektik der Aufklärung" zum ersten Mal im Amsterdamer "Querido-Verlag" erschie-nen und hatte kaum Beachtung gefunden. Zur Zeit der Stu-dentenbewegung kursierten Raubdrucke, das Buch war be-rühmt, aber offiziell nicht auf dem Markt. Erst 1969 erschien eine Neuauflage, die Adorno schon früher gewollt hatte. Aber Horkheimer, der nicht mehr vorbehaltlos hinter dem gemein-samen Werk stand, hatte sie lange verhindert. Jürgen Haber-mas hat die "Dialektik der Aufklärung" das "schwärzeste Buch" der Kritischen Theorie genannt, Kritiker warfen den beiden Autoren "hemmungslosen Pessimismus" vor.

Die hatten im Laufe des Jahres 1942 einen Arbeitsstil ent-wickelt, der die Doppel-Autorenschaft ermöglichte. Man traf sich nachmittags entweder bei Horkheimer oder Adorno, um die zentralen Probleme zu diskutieren, Gretel Adorno führte Protokoll, das wurde abgetippt, immer wieder überarbeitet, und dann schrieben entweder Adorno oder Horkheimer die Vorlagen für die einzelnen Kapitel, die dann vom jeweils an-deren redigiert wurden. Nur das Anfangskapitel über den "Be-griff der Aufklärung" haben beide gemeinsam diktiert.

Was sie sich vorgenommen hatten, war nicht wenig: Angesichts der Ungeheuerlichkeit der Nazi-Barbarei sollten Grundlagen und Voraussetzungen einer Kritischen Theorie formuliert werden, die nicht ohnmächtig nur dem Grauen hinterher-philosophiert. Horkheimer schreibt Ende 1942 in einem Brief: "Die Möglichkeit, daß auch uns früher oder später das Konzentrationslager droht, darf nicht zur Rationalisierung dafür werden, daß wir nicht mehr verzweifelt das Wort suchen, das zur Gewalt werden und uns alle daraus befreien kann." Es geht im Kern um die Frage, "warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt."

"Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Umheils." So lauten die ersten beiden Sätze der "Dialektik der Aufklärung". Mit Aufklärung ist dabei nicht ein bestimmtes Zeitalter ge-meint, sondern ein moderner Bewußtseinszustand: Das Streben des Subjekts nach vollständiger Einsicht in Natur- und Gesellschafts-Zusammenhänge, ein Streben, das wiederum in Herrschaft umschlägt. Die Angst des Menschen vor der Übermacht der Natur führt zur Unterwerfung der Natur, also zu Herrschaft, und diese Herrschaft über die Natur wird zur Unterwerfung unter die eigene entstellte Natur. Vernunft als Instrument zur Selbsterhaltung führt zur Unterwerfung der ganzen Welt unter den Zwang der Rationalität, das Subjekt, um dessen Erhaltung und Rettung es der Aufklärung eigentlich geht, ist in diesem System gefangen - das ist die "Dialektik der Aufklärung". "Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will", so heißt es, "gilt der Aufklärung für verdächtig." Und das heißt wiederum: "Die Dialektik der Aufklärung schlägt objektiv in den Wahnsinn um."

Das ist das große Problem, das Horkheimer und Adorno bewegt: "die Selbstzerstörung der Aufklärung." Ein Problem, das auf den Geltungsanspruch der Kritischen Theorie zurückfällt: Wie kann eine Theorie kritisch, also auch selbstkritisch sein, wenn sie der Dialektik der Aufklärung ebenso unterliegt? Mehr noch: Wohin führt diese Dialektik, die nur mehr als "Negative Dialektik" gesehen werden kann, wenn nicht in die absolute Verzweiflung? Adornos philosophisches Hauptwerk "Negative Dialektik" führt den Grundgedanken der "Dialektik der Aufklärung" fort: Es geht um eine Kritik an Hegels Erkenntnis- und Gesellschaftsmodell, in dem sich das Ganze durch die Widersprüche hindurch im Geist und in der Wirklichkeit herstellt. Bei Hegel formalisiert in der Dialektik von These, Antithese und Synthese. Diese gesellschaftliche Synthese aber geht, so Adorno, einher mit der Vernichtung des Individuellen. Das Subjekt wird der gesellschaftlichen Totalität geopfert: Im Nationalsozialismus, im Stalinismus, in den Massendemokratien. "Die im Begriff konstruierte Versöhnung von Allgemeinem und Besonderem", sagt Adorno, bedeutet die "Liquidation des Besonderen." Es gibt keine Versöhnung, es gibt nur die Möglichkeit, die Negation, das Widersprechen, die Antithese zu betonen. Also bleibt doch nur Ohnmacht und Verzweiflung? Zuweilen hört es sich so an. Doch dann gibt es auch immer wieder Sätze wie diesen: "Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen." Oder diesen: "Nur wenn das, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles."

 
Adorno-Crashkurs
Teil 1 - Dalektik der Aufk...
Teil 2 - Jargon der Eigent...
Teil 3 - Kulturindustrie
Teil 4 - Minima Moralia
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.