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  Teil 2 - Jargon der Eigentlichkeit  
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Jargon der Eigentlichkeit

"Wenn der Bergbach in der Stille der Nächte von seinen Stürzen über die Felsblöcke erzählt". - "Wenn es von den Hängen des Hochtales, darüber langsam die Herden ziehen, glockt und glockt". Martin Heidegger, der Matador der Existenzialphilosophie in Deutschland, hatte gelegentlich solche lyrischen Eingebungen. Auch solche: "Wälder lagern, Bäche stürzen, Felsen dauern, Regen rinnt. Fluren warten, Brunnen quellen, Winde wohnen, Segen sinnt." Adorno nennt solches Reden "Jargon der Eigentlichkeit". In einem kleinen Buch, das er von 1962 bis 64 schrieb, hat er diesen Jargon kritisiert, verspottet, lächerlich gemacht. Aber: Es geht ihm nicht um Stilfragen, nicht um Sprachkritik. Er kritisiert "den maßlosen Widerspruch zwischen dem pathetischen Anspruch dieser Sätze und der Sprachgestalt, in der sie erscheinen." Es geht um den Rückzug auf die Innerlichkeit, um die Rückbesinnung auf das Ursprüngliche, Echte, das Bodenständige, das "Eigentliche", das im Gefolge der Existenzialphilosophie in den fünfziger Jahren zur pseudo-intellektuellen Mode geworden war. Die sprachliche Regression ist dabei nur Ausdruck einer gesellschaftlichen Regression - das ist Adornos Thema. "Es hat also gerade dieses Archaische", sagt Adorno, "gerade das, was so tut, als ob es ein jenseits der Gesellschaft wäre, durch solche Sendungen wie die, daß es glockt und glockt, daß Segen sinnt oder ähnliche Formulierungen, einen geschichtlichen Stellenwert, den sie gerade negieren, nämlich den der Kleinbürgerlichkeit."

Der "Jargon der Eigentlichkeit" bedient sich bestimmter Begriffe: Auftrag, Anruf, Begegnung, echtes Gespräch, Aussage, Anliegen, Bindung und dergleichen mehr, und er lädt diese mit vermeintlicher Bedeutung auf: Der Jargon, die "Wurlitzerorgel des Geistes", so Adorno, veranstaltet eine "Himmelfahrt des Wortes, als wäre der Segen von oben in ihm selber unmittelbar mitkomponiert." Den Begriff "Eigentlichkeit" bezieht Adorno direkt von Heidegger, der in "Sein und Zeit" schreibt: "Die beiden Seinsmodi der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit gründen darin, daß Dasein überhaupt durch Jemeinigkeit bestimmt ist." Schlicht ausgedrückt: Das Dasein ist uneigentlich, das Sein eigentlich. Diese Feier des Seins als solchem mag bei Heidegger selbst noch systematisch verankert sein, sie wird freilich schon bei Heidegger selbst zu einem sich heimelig und bodenständig gebenden Gemurmel, dessen Nähe zum faschistischen Blut- und Boden-Geschwätz Adorno mehrfach pointiert. Zum "Jargon" wird die Rede von der Eigentlichkeit allerdings erst durch ihre Ausbreitung auf alle möglichen Bereiche des Alltags. "Er erstreckt sich", schreibt Adorno, "von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangelischer Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschulen und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von Deputierten aus Wirtschaft und Verwaltung. Während er überfließt von der Prätention tiefen menschlichen Angerührtseins, ist er unterdessen so standardisiert wie die Welt, die er offiziell verneint." Wer im Nachkriegsdeutschland West aufgewachsen ist, hat dies alles so erlebt und empfunden, und mit Adornos kleiner Schrift bekam dieses Erleben und Empfinden Sprache und Begriff. Selten hatte Philosophie und kritisches Denken die Chance, derart praktisch zu wirken.

"Ernst Bloch rief mich an, Bollnow sei dabei, wegen des Jargons einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Soll er." Das schreibt Adorno im Dezember 1964 an Herbert Marcuse. Otto Friedrich Bollnow war einer der Existenzialphilosophen, die in den Fünfzigern in Mode gekommen waren. In seinem Buch "Neue Geborgenheit" schreibt Bollnow: "Der Sonntag beginnt eigentlich schon am Sonnabend-Abend. Wenn der Handwerker seine Werkstatt aufräumt, wenn die Hausfrau das ganze Haus in einen sauber glänzenden Zustand versetzt hat und sogar noch vor dem Haus die Straße gefegt und von dem in der Woche angesammelten Schmutz befreit wird, wenn zum Schluß auch noch die Kinder gebadet werden, auch die Erwachsenen in einer gründlichen Reinigung den Staub der Woche von sich abspülen und die neue Kleidung schon bereit liegt - wenn das alles in einer ländlichen Ausführlichkeit und Bedächtigkeit besorgt wird, dann zieht eine tiefbeglückende Stimmung des Ausruhns bei den Menschen ein." Für Adorno ist das ein Musterbeispiel für die in den Fünfzigern grassierende "Heideggerei", für die Wiederkehr des Biedermeier, das im angestrengt entpolitisierten Nachkriegsdeutschland das Grauen der "Hitlerei" vergessen machen sollte. Adorno schreibt: "Unablässig blähen sich Ausdrücke und Situationen eines meist nicht mehr existenten Alltags auf, als wären sie ermächtigt und verbürgt von einem Absoluten, das Ehrfurcht verschweigt." Und weiter: "Heuchelei wird zum Apriori: alltägliche Sprache jetzt und hier gesprochen, als wäre sie die heilige." Ähnlichkeiten mit der Jetztzeit sind keineswegs zufällig.
 
Adorno-Crashkurs
Teil 1 - Dalektik der Aufk...
Teil 2 - Jargon der Eigent...
Teil 3 - Kulturindustrie
Teil 4 - Minima Moralia
Teil 5 - Teddys Ende
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.