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  Teil 3 - Kulturindustrie  
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Kulturindustrie

"Begreift man Kultur nachdrücklich genug als Entbarbarisierung der Menschen, die sie dem rohen Zustand enthebt, ohne ihn durch gewalttätige Unterdrückung erst recht zu perpetuieren, danan ist Kultur überhaupt mißlungen. Sie hat es nicht vermocht, in die Menschen einzuwandern, solange ihnen die Voraussetzungen zu menschenwürdigem Dasein mangeln." Das ist die zentrale These in Adornos kritischer Theorie der Kultur. Kein Thema ist für Adorno so wichtig wie dieses, keines ist öffentlich so breit diskutiert worden, bis heute sind seine Begriffe und Stichworte aktuell und geläufig. Die Absicht: Die Uniformität und die innere Widersprüchlichkeit der modernen Kultur zu begreifen. Der Kernbegriff: Kulturindustrie. Industrie ist dabei nicht wörtlich gemeint. Dieser Begriff, so Adorno, "bezieht sich auf die Standardisierung der Sache selbst - etwa die jedem Kinobesucher geläufige der Western - und auf die Rationalisierung der Verbreitungstechniken, nicht aber streng auf den Produktionsvorgang." In den Entwürfen zur "Dialektik der Aufklärung" war zunächst von "Massenkultur" die Rede, aber dieser Begriff wurde ersetzt, um nicht den Eindruck zu erwecken, es handele sich um die Kultur der Massen, um Volkskunst. "Von einer solchen", schreibt Adorno, "unterscheidet Kulturindustrie sich aufs äußerste. Sie fügt Altgewohntes zu einer neuen Qualität zusammen. In all ihren Sparten werden Produkte mehr oder minder planvoll hergestellt, die auf den Konsum durch Massen zugeschnitten sind und in weitem Maß diesen Konsum von sich aus bestimmen. Die einzelnen Sparten gleichen der Struktur nach einander oder passen wenigstens ineinander. Sie ordnen sich fast lückenlos zum System. Das gestatten ihnen ebenso die heutigen Mittel der Technik wie die Konzentration von Wirtschaft und Verwaltung." Das heißt also: Kulturindustrie bezeichnet die Formen kultureller Produktion, die massenhaft verbreitet und rezipiert werden, also Kino, Radio, Schallplatten, Zeitungen, Fernsehen.

Entscheidend für die Kritik an der Kulturindustrie ist nicht das Profitinteresse, nicht die Minderwertigkeit von kulturellen Massenprodukten, auch nicht prinzipiell der Warencharakter von Kulturprodukten, sondern dessen Ausschließlichkeit. "Geistige Gebilde kulturindustriellen Stils sind nicht länger auch Waren", formuliert Adorno, "sondern sind es durch und durch." Im Zentrum der Kritik an der Kulturindustrie schließlich steht das Grundmotiv der Philosophie Adornos überhaupt: Der Verlust des Individuellen, der Sieg des Ganzen, des Systems. In der "Dialektik der Aufklärung" heißt es: "In der Kulturindustrie ist das Indviduum illusionär nicht bloß wegen der Standardisierung ihrer Produktionsweise. Es wird nur so weit geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht. Von der genormten Improvisation im Jazz bis zur originellen Filmpersönlichkeit, der die Locke übers Auge hängen muß, damit man sie als solche erkennt, herrscht Pseudoindividualität. Das Individuelle reduziert sich auf die Fähigkeit des Allgemeinen, das Zufällige so ohne Rest zu stempeln, daß es als dasselbe festgehalten werden kann."

Die Kulturindustrie hat die Funktion, die bürgerliche Gesellschaft auf dem Weg in die totale Gesellschaft des autoritären Staats zu lenken und abzulenken. "Der kategorische Imperativ der Kulturindustrie", schreibt Adorno, "hat, zum Unterschied vom Kantischen, mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken." Kulturindustrie ist von daher letztlich AntiAufklärung: "In ihr wird Aufklärung, nämlich die fortschreitenden technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewußtseins. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen."

Hier stellt sich die kritische Frage an Adorno und die Kritische Theorie am radikalsten: Meint Adorno tatsächlich, daß die Menschen den Manipulationen der Kulturindustrie hilflos und ausweglos ausgesetzt sind, meint er tatsächlich, daß der "Verblendungszusammenhang" unauflösbar, daß die Auslieferung der Individuen ans System total ist? Zitate dafür und dagegen können in Mengen gefunden werden, entscheidend ist wohl dies: Horkheimer und Adorno haben in "Dialektik der Aufklärung" häufig zugespitzt und angesichts des Nazi-Terrors auch verzweifelt formuliert, Adorno hat diesen Ton auch später noch gepflegt. Aber ebenso wie die These gilt, daß Kultur mißlungen sei, gilt auch dieser Satz Adornos: "Daß die Kultur bis heute mißlang, ist keine Rechtfertigung dafür, ihr Mißlingen zu befördern."
 
Adorno-Crashkurs
Teil 1 - Dalektik der Aufk...
Teil 2 - Jargon der Eigent...
Teil 3 - Kulturindustrie
Teil 4 - Minima Moralia
Teil 5 - Teddys Ende
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.