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  Teil 4 - Minima Moralia  
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Minima Moralia

"Es gibt kein richtiges Leben im Valschen." Der Satiriker Ro-bert Gernhardt schreibt falsch hier mit "v" - eine der vielen Möglichkeiten, sich über Sentenzen von Adorno lustig zu ma-chen. Bis hin zu dem Kalauer "Es gibt kein richtiges Leben in Flaschen."

Quelle dieser Heiterkeit ist ausgerechnet Adornos Buch "Minima Moralia", dessen Untertitel "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" genau angibt, was gemeint ist: Es sind als Feuilletons und Aphorismen getarnte bitterernste, verzweifelte Beobachtungen von Alltag und Kultur vor dem Hintergrund des Völkermords an den Juden.

Die Unerträglichkeit der unerträglichen Zustände bestreiten
"Es gibt nichts Harmloses mehr", heißt es da. "Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment der trotzigen Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußersten Gegensatzes. Misstrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt." Adornos Grundüberzeugung überhaupt, vor allem aber in "Minima Moralia" lautet: Der Faschismus musste nicht Macht über die Menschen gewinnen, weil er längst Habitus, alltägliches Denken und Handeln breiter Bevölkerungsschichten geworden war. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" heißt in diesem Zusammenhang: Wer es sich in unerträglichen Zuständen gemütlich machen will, der befördert die unerträglichen Zustände und bestreitet ihre Unerträglichkeit.

Das Denken nach Ausschwitz
"Minima Moralia" enthält Reflexionen über die unzähligen Facetten des Alltagsfaschismus, der mit dem Untergang der faschistischen Diktatur nicht einfach auch untergeht. Nach Auschwitz ist es eben nicht mehr möglich, harmlos zu sein, harmlos zu denken, harmlos zu leben - das ist Voraussetzung von Adornos Denken.

"Minima Moralia" als Zitatensteinbruch
Gleichzeitig eignet sich gerade "Minima Moralia", vor allem die Passagen mit Aphorismen, vorzüglich als Zitatensteinbruch. "Das Ganze ist das Unwahre" - solche Sätze flattern wie Fahnen im Wind, sie eignen sich hervorragend für den halbintellektuellen Smalltalk. Man muss ja nicht unbedingt wissen, dass hier Hegel kritisiert wird, genauer Hegels Satz "Das Wahre ist das Ganze". Für Hegel ist die Welt in ihrer Totalität "wahr" im Sinne von vernünftig, es ist die Wahrheit des zu sich selbst kommenden Weltgeistes. Das ist für Adorno, ganz in der Tradition von Marx, undenkbar geworden. Für ihn ist Hegels Wahrheit "das zum Absoluten aufgeblähte Prinzip der Herrschaft" und das Ganze "jener reale Verblendungszusammenhang, in den alles Einzelne eingespannt bleibt."

Was einzelne Sentenzen der "Minima Moralia" darüber hinaus so attraktiv macht, ist ihre Aura: Sie laufen spitz zu, überraschen, machen stutzig, zielen ins Schwarze, wenn sie auch manchmal banal danebentreffen. Ein paar Beispiele: "Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle". - "An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen." - "Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen." - "Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen." - "Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas." - "Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren." - "Man braucht nur unzufrieden zu sein und ist bereits als Weltverbesserer verdächtig." Gerade am letzten Beispiel zeigt sich, dass auch Adornos Aphorismen gelegentlich nichts weiter sind als nette Schlauheiten.

Immer wieder aber rekurriert er auch hier auf den einen Dreh- und Angelpunkt seines Denkens: "Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmessbaren Trauer dessen, was ist?" Und schließlich: "Es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält." Das ist ein Satz, der einem anderen berühmten Diktum Adornos direkt zu widersprechen scheint: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch", sagt Adorno in den "Prismen", ein Satz, den er später relativiert hat, ihn in der Relativierung aber noch stärker zuspitzt und verschärft: "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen." Das ist der radikalste Ausdruck des radikalen Zweifels bei Adorno, ob und wie ein Leben nach und angesichts von Auschwitz noch möglich sei.

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen" und "Das Ganze ist das Unwahre" sind sozusagen auf Flaschen gezogene Gebrauchsmuster dieser Radikalität. Die aber immer wieder konterkariert wird durch eine Hoffnung, die sich in solchen Sätzen manifestiert: "Der Strahl, der in all seinen Momenten das Ganze als das Unwahre offenbart, ist kein anderer als die Utopie, die der ganzen Wahrheit, die noch erst zu verwirklichen wäre.

 
Adorno-Crashkurs
Teil 1 - Dalektik der Aufk...
Teil 2 - Jargon der Eigent...
Teil 3 - Kulturindustrie
Teil 4 - Minima Moralia
Teil 5 - Teddys Ende
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.