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  Teil 5 - Teddys Ende  
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Teddys Ende

"Als wir vor einem halben Jahr das Konzil belagerten, kam als einziger Professor Adorno zum Sitin der Studenten. Er wurde mit Ovationen überschüttet, lief schnurstracks auf das Mikrofon zu und bog kurz vor dem Mikrofon ins Philosophische Seminar ab. Also kurz vor der Praxis in die Philosophie."

Das erklärte Hans-Jürgen Krahl, einer der Frankfurter Studentenführer und Doktorand bei Adorno, bei einer Veranstaltung im September 1968.

Das Verhältnis zwischen Adorno und den Studenten war im Laufe der Eskalation der Studentenbewegung immer prekärer geworden. Viele Studenten sahen in dem radikalen Gesellschaftskritiker Adorno einen natürlichen Verbündeten, nicht nur Stichwortgeber, sondern Mitkämpfer. Ein groteskes Missverständnis. Zwar teilte Adorno die Kritik am Vietnam-Krieg und an den universitären, politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Deutschland, aber aus dieser Kritik auch Aktionen abzuleiten, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

In Berlin kommt es zu einem ersten Zwischenfall
Am 6. Juli 1967 hatte der Prozess gegen die Kommune-Mitglieder Rainer Langhans und Fritz Teufel begonnen, Adorno hatte sich geweigert, ein Gutachten für die Verteidigung zu erstellen. Als er am 7. Juli an der Freien Universität einen Vortrag "Zur Klassizität von Goethes Iphigenie" halten wollte, wurde er mit Protesten empfangen. "Berlins linke Faschisten grüßen Teddy, den Klassizisten" stand auf einem Transparent, eine Studentin wollte ihm einen roten Teddybär überreichen, in einem Flugblatt des SDS heißt es: "Herr Prof. Adorno ist jederzeit bereit, der Gesellschaft der Bundesrepublik einen latenten Hang zur Unmenschlichkeit zu bezeugen. Konfrontiert mit der Unmenschlichkeit, lehnt er es aber ab, sich zu äußern. Er leidet lieber still an den Widersprüchen, die er zuvor konstatiert hat."

1968 verschärft sich die Situation
Das Attentat auf Rudi Dutschke, der Pariser Mai, die Straßenkämpfe in Berkeley, der Widerstand gegen die Notstandsgesetze, all das führt zu einer Eskalation, die auch die Frankfurter Universität ergreift. Vor allem die studentischen Aktionen irritieren Adorno aufs äußerste. "Sonst ist nur zu sagen, dass mir die studentischen Angelegenheiten nachgerade zum Hals raushängen", schreibt er im Mai 68 an Peter Szondi. "Vor allem deshalb, weil wir hier mehr und mehr zu dem Eindruck gelangen, dass wir für die Studenten bloß Figuren zur Manipulation sind. Vatermord mit Galgenfrist." Zwar engagierte auch Adorno sich gegen die Notstandsgesetze, er lehnte es aber ab, sein Seminar für Diskussionen zur Verfügung zu stellen. Die Universität als Quelle und Ausgangspunkt gesellschaftlicher Reformen, das war für ihn undenkbar. "Ich glaube, dass keine Möglichkeit besteht, die Gesellschaft von der Universität her zu verändern, sondern im Gegenteil, dass innerhalb der Universität isolierte Intentionen auf radikale Änderung nur die herrschende Ranküne gegen die Sphäre des Intellektuellen verschärfen wird, und damit der Reaktion den Weg bahnen", erklärt Adorno schon im Sommer 1967.

Je schärfer die Auseinandersetzungen an den Universitäten werden, um so mehr zieht Adorno sich zurück
An Günter Grass, der ihm vorgehalten hatte, er distanziere sich nicht deutlich genug von der Studentenrevolte, schrieb er: "Ich selbst sehe meine Aufgabe immer mehr darin, einfach das auszusprechen, was ich zu erkennen glaube, ohne irgendwelche Rücksichten nach irgendeiner Seite. Damit zusammen geht eine steigende Aversion gegen jegliche Art von Praxis, in der mein Naturell und die objektive Aussichtslosigkeit von Praxis in diesem geschichtlichen Augenblick sich zusammenfinden mögen."

Endgültiger Bruch mit den Studenten
Im Dezember 1968 spitzt sich die Situation in Frankfurt zu. Das soziologische Seminar wird besetzt, viele Seminare können nicht mehr stattfinden. Als ein studentisches Streikkomitee beschließt, das Inventar des Seminars auszulagern, lassen die Professoren die Seminarräume durch die Polizei schließen. Daraufhin kommt es am 31. Januar 69 zum Eklat. Adorno sieht, wie eine Gruppe von Studenten, angeführt von Hans-Jürgen Krahl, "in relativ geschlossener Gruppe, dicht, aber lose, im Geschwindmarsch um die Ecke biegen". Die Studenten wollten über ihr weiteres Vorgehen diskutieren, Adorno und die anderen Institutsdirektoren sprechen von Hausfriedensbruch, sie rufen die Polizei, das Institut wird geräumt. Der Bruch mit den Studenten ist endgültig.

Lehrveranstaltung wird gestört und dann abgebrochen
Zwar hatte seine Vorlesung "Einleitung in das dialektische Denken" im folgenden Sommersemester großen Zulauf, aber es kam bald zu Störungen. Mitglieder der "Lederjackenfraktion" des Frankfurter SDS forderten öffentliche Selbstkritik wegen der Räumung des Instituts. An der Tafel steht: "Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus sein Leben lang behalten." Drei Studentinnen streuen Rosen- und Tulpenblätter über den Professor und bedrohen ihn schließlich mit ihren entblößten Busen - Adorno nimmt, Aktentasche, Hut und Mantel greifend, entsetzt Reißaus. Zwar nimmt er Anfang Juni die Vorlesung wieder auf, aber es gibt neue Störungen, so dass er sie für das gesamte Sommersemester aussetzt. Adorno ist verbittert, erschöpft, ratlos. Ende Juli fährt er mit seiner Frau in die Schweiz, am 6. August 1969 stirbt er.

 
Adorno-Crashkurs
Teil 1 - Dalektik der Aufk...
Teil 2 - Jargon der Eigent...
Teil 3 - Kulturindustrie
Teil 4 - Minima Moralia
Teil 5 - Teddys Ende
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.