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Walter Mossmann
Ballade vom Tod der Klampfe / Was ist "Linker Protest"? Singen kann der Lieder-macher Walter Mossmann nicht mehr, aber er schlägt zu einem alten Thema neue Saiten an
| . . . Auf dem Liedermacher-Festival auf Burg Waldeck wurde er 1965 hofiert wie kein anderer, bekam lukrative Plattenverträge, wurde aber kein Star . . . |
Sollte Oskar Lafontaine demnächst wieder auf einer dieser Montagsdemonstrationen auftauchen, könnte man spaßeshalber ja Folgendes machen: den Ton langsam herunterdrehen und stattdessen diesen schönen Satz einblenden, den der Philosoph Peter Sloterdijk kürzlich über jene 68er gesagt hat, die heute in der politischen Verantwortung stehen: "Die verwirrte Generation kann nur Verwirrung weitergeben." Es müsste also einer her, der noch einmal genau erklärt, was das eigentlich einmal gewesen ist - linker Protest. Und was diese Bewegung von Männern wie Lafontaine unterschied.
Im Freiburger Café Lederer, gleich hinterm Bahnhof, sitzt Walter Mossmann, Liedermacher und Protestsänger aus den Zeiten, als die Feinde noch Namen hatten: Filbinger, Globke und Kiesinger. Mossmann trinkt Rotwein, und wenn er dabei über die Auftritte des Oskar Lafontaine spricht, bleibt er gelassen: "Solche Figuren tauchen zu allen Zeiten auf und sahnen ab, weil sie dem Massenfrust scheinbar eine Stimme verleihen."

Walter Mossmann
Walter Mossmann hat jetzt den Großteil seines Werkes auf vier CDs pressen lassen, um, wie er sagt, einen Beitrag zur Kulturgeschichte der deutschen Linken zu leisten. Er macht das mit dem Abstand des Chronisten, betreibt eine Art Eigenphilologie und spart keineswegs die Lieder aus, die er selber heute kaum noch anhören kann. Aber die Geschichte des politischen Liedes der Nachkriegszeit, dieses Stück linker Kulturgeschichte, hat bislang noch niemand wirklich erzählt. "Und ich wollte diese Lücke besetzen", sagt Mossmann.
Anfang der sechziger Jahre war dieser Sänger eine Art folkloristisches Wunderkind, ein badischer Dylan. Im Freiburg der Nachkriegszeit wuchs er mit seinem Freund, dem Schriftsteller Christoph Meckel auf. Beide mussten sich an ihren Vätern abarbeiten; Meckel schrieb sein Buch "Suchbild", eine Annäherung an seinen Vater Eberhard Meckel, der als Schriftsteller in der NS-Kultur aufgegangen war. Mossmann begann Lieder zu singen, und das war in diesen Jahren schon eine politische Tat: "Der Faschismus hatte ja die Kulturdominanz über diese Art von populärer Poesie."
Aber wie auch linkes Gebaren zur Pose wird, wenn es - wie bei Lafontaine - nur noch ein diffuses Ungefähr transportiert, hat Walter Mossmann, der badische Linke, oft gesungen und gelegentlich auch gesagt, zuletzt vor einem knappen Jahr in Freiburg. Der Anlass hatte mal wieder etwas mit einem alten Feind zu tun, mit Hans Filbinger, der über die Jahre sogar so etwas wie Mossmanns Busenfeind geworden ist, seit der Liedermacher zum ersten Mal seine Ballade vom toten Matrosen gesungen hat. Die Geschichte des schlesischen Schlossergesellen Walter Gröger, der in den letzten Kriegstagen desertiert, der dann verhaftet und diesem jungen macht-versessenen Marinerichter vorgeführt wurde, der dazu beitrug, dass Gröger noch am 6. Januar 1945 in England zum Tode verurteilt wurde: "Den heimwehkranken Matrosen traf zehnmal die Kugel aus Blei. In sauber gebügelten Hosen stand Herr Filbinger aufrecht dabei." So scharf und schnörkellos sang Mossmann das Ende der Siebziger.
Als Filbinger im vergangenen Jahr neunzig wurde, sollte im Freiburger Münster ein Dankgottesdienst stattfinden. An jenem Septembertag hatte Walter Mossmann mit anderen zusammen im historischen Kaufhaus am Münsterplatz eine Gegenveranstaltung organisiert. Die Ballade vom toten Matrosen war dort auch zu hören. Das Lied kam allerdings vom Band, und weil mit dem Singen eben Schluss ist, hat Walter Mossmann sich im Freiburger Kaufhaus hingestellt und geredet. Aber nicht mehr von Filbingers Schuld, sondern folgendes: "Ich denke, das abschreckende Beispiel von Filbingers Selbstgerechtigkeit sollte uns veranlassen, unsererseits einen anderen öffentlichen Umgang mit Fehlern und Irrtümern in unseren eigenen politischen Biografien zu finden."
Und da haben sie doch gestaunt, die aus Mossmanns Generation. Denn was sollten denn die Linken für Fehler gemacht haben? Sie, die damals gegen die wahren Schuldigen angesungen, angeredet, angegriffen haben. Gegen Berufsverbote, Notstandsgesetze, Unvereinbarkeitsbeschluss. Es gibt Kollegen von Mossmann, die sind ungleich berühmter geworden, weil sie so schön eindeutig auf der linken Welle geschwommen sind. Und nach der Wende haben sie Lieder gesungen, in denen der Zusammenbruch des Kommunismus gar nicht vorkam. "Das waren diese sanften Übergänge", sagt Mossmann. Ihre politischen Irrtümer haben diese Barden mit altersmilder Ironie weggesungen. Von denen würde heute keiner auf die Idee kommen, sich der politischen Verantwortungslosigkeit zu zeihen. Manche sagen, dass Walter Mossmann der beste Chanson-Sänger dieser Jahre gewesen sei. Auf dem Liedermacher-Festival auf Burg Waldeck wurde er 1965 hofiert wie kein anderer, bekam lukrative Plattenverträge, wurde aber kein Star. Stattdessen hörte er auf mit dem Liederschreiben, begann Theaterstücke zu inszenieren, Filme zu drehen. Erst in den siebziger Jahren ist er dann wieder "singen gegangen", wie er das nennt. Aber jetzt schrieb Mossmann keine poetischen Chansons mehr, sondern ¸¸Flugblattlieder" gegen die Kernkraftwerke in Whyl, Heiteren, Marckholsheim und Gorleben. Songs, die wie lyrische Reportagen klangen. Genau recherchierte Geschichten, die radikal sind, weil sie genau sind. Eine Qualität, die unter Liedermachern damals nicht viel galt. "Man wollte nicht genau sein", erinnert sich Mossmann, "Hauptsache, die Tendenz stimmte."
Mit weißbärtiger Ironie
Wenn Mossmann von den linken Liedermachern redet, dann klingt das so, als habe er selber nie zu dieser zuweilen eitlen Clique von Protestsängern gehört, die heute mit weißbärtiger Ironie ihre radikale Phase bedichten, Volkslieder singen oder Shakespeare-Sonette übersetzen. Seine Gitarre hat er seiner Tochter geschenkt, weil ihn der Verlust der Stimme schmerzt. "Ich bin eigentlich auch froh, dass diese Klampfen-Zeit vorbei ist." Aber nicht mehr singen zu können, allein, für sich selbst - "ein großer Verlust", sagt Mossmann,"weil Singen ein körperlicher Ausdruck von Leben ist."
Und die Wut von damals, die Mossmann in seinen Balladen von den Barrikaden zwischen Freiburg und Whyl gebrüllt hat, ist jetzt archiviert. Aber sie war immerhin einmal Motor einer kritischen Generation. "Lafontaine", sagt Mossmann, "hat weder ein konstruktives Konzept im Kopf noch einen wirklichen Zorn im Gefühl."
(aus SZ, 2. September 2004)