home sitemap services impressum  
publikationen der bund die burg jugendbewegung & mehr

kontakt
Sommer, Stephan
e-mail: schriftleitung@gmx.de
suche

 
  Was ist bündisch?  
Home » jugendbewegung » Geschichte der dt. Jugendbewegung » Was ist bündisch?

Immer wieder kommt diese Frage. Immer wieder stellen wir uns die Fragen: Was ist bündisch? Sind wir bündisch? Ist das noch zeitgemäß? Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Die unten stehenden Beiträge sollen bei diesen Fragestellungen helfen. Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Schriftleitung wieder!

Werner Helwig: Was ist bündisch?

Alexej Stachowitsch: Wovon reden wir eigentlich? Versuch eines bündischen Lexikons

Ludwig Liebs: Was ist bündisch?



I. Werner Helwig

Genau weiß ich's nicht. Vielleicht ist es so: Das Wort bezeichnet ein Gefühl, stärker leben zu wollen, tiefer auszuschöpfen, daß man vorhanden ist. Mehr Welt zu gewinnen, als normalerweise angeboten wird. In diesem Wunsch findet man sich mit einigen Kameraden, die ähnlich geartet sind. Bindungen entstehen, die auf längere Sicht zu einem Bund führen. Der Bund wird zur Überperson, einer Art Riese, in dem der Einzelne sich mitbewegt. Der Riese reißt immer mehr Welt in seinen Umkreis. Der Einzelne kommt auf seine Kosten. Er wird, je nach seinen Fähigkeiten, eines der Organe des Riesen, ohne sich darin aufzugeben. Er hat am Ganzen teil, bestimmt das Ganze in seiner Richtung mit ... Jeder trägt anderes herzu, es wird zum Gemeinschaftsbesitz. Der Bund wird zum Organismus, klar und unwiderstehlich in seiner Aufteilung wie ein gesunder menschlicher Körper. Er übt sich im und am Handwerk des Lebens. Ordnungen stellen sich her, weil einer da ist, der viel übersieht und der damit zum führenden Organ der Selbstgestaltung des Bundes wird. Man billigt ihm seine Rolle zu und schenkt ihm damit die Kraft, zu sein, was man von ihm erwartet.

Hat der Bund sich in dieser Form verwirklicht, nimmt er aus der Welt auf, was zu ihm paßt und ihn bestätigt. Etwa Musik, Kunst, Natur, Verhaltensweisen im gesellschaftlichen Gefüge, wie sie die Zeit bedingen. Er übernimmt, was mit seiner Vorstellung übereinstimmt, und sucht zu verbessern, was dagegen steht. So entsteht ein Mitverantwortungswille innerhalb des Weltgeschehens, dank der Tatsache, daß man vorhanden ist: einmal und nie wieder.

Dies ist, meine ich, in seiner endlichen Ausformung das, was man bündisch nennen könnte.

Ein Gespräch, bei dem die Gesprächspartner mit gleichlautenden Ausdrücken nicht das Gleiche meinen, führt zu keinem Ergebnis. Worte und Begriffe verändern im Laufe der Zeit oft ihre Bedeutung, manchmal bis zum geraden Gegenteil des ursprünglichen Inhaltes. Das Wort "Elite" z. B. bedeutete bisher etwas Positives, einen ausgesucht guten Kreis wesentlicher Menschen. Heute kann es geschehen, daß "Elite" und "elitär" als Schimpfwörter gebraucht werden. Ähnliches gilt von den Begriffen "konservativ", "heil" (heile Welt!"), "volks- oder erdverbunden", "soldatisch" usw. Andere Begriffe wurden schillernd und unklar, wie "faschistoid", autoritär", "demokratisch" ("volksdemokratisch!") und viele andere. Kurz gesagt, vor einem Gespräch kläre man die Begriffe.

Das gilt auch für den bündischen Bereich. Ich hatte einmal, als Lektor für die Geschichte der Jugendbewegung an einer Universität, Vorlesungen über dieses so vielfältige Gebiet zu halten. Wahrscheinlich hatte ich selbst am meisten davon, denn ich wurde zu klaren Definitionen und Gliederungen gezwungen. Vielleicht werden einige mit meinen Begriffsbestimmungen nicht einverstanden sein, und sie sind auch mit keinem der in dieser Schrift vertretenen Autoren abgestimmt worden, aber sie mögen dennoch eine kleine Hilfe für alle diejenigen sein, denen es um das "Bündische" zu tun ist. Die den Definitionen angeschlossenen Bemerkungen geben meine eigene Meinung wieder, für die ich auch allein verantwortlich zeichne.



II. Wovon reden wir eigentlich? / Definitionen und Bemerkungen für bündische Gespräche Versuch eines Bündischen Lexikons (Alexej Stachowitsch)

Jugendbewegung


Historisch die seit etwa 1897 von Steglitz bei Berlin ausgehende Schüler- und Studentenbewegung, die zunächst einfach aus Freude an abenteuerlichen Wanderfahrten in Gruppen und dem Ausbrechen aus dem behüteten und als heuchlerisch empfundenen Eltern-, Schul und Kirchenmilieu begann, sich dann um eine gemeinsame Sinngebung mühte und schließlich ihren besten Ausdruck in der bekannten Meißner Formel (Treffen auf dem Hohen Meißner Oktober 1913) fand: Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei."

Erwachsene waren von vorneherein in der Jugendbewegung tätig, allerdings nur solche, die von der Jugend akzeptiert und als zugehörig betrachtet wurden. Die Jugend wollte selbst etwas aus sich heraus und nicht weil Erwachsenenverbände Nachwuchs brauchten. Immer war, oft unausgesprochen, das Streben nach dem "Guten, Schönen und Wahren" maßgebend. Freiwilligkeit war Voraussetzung. Kameradschaft und Freundschaft (siehe diese) spielten eine entscheidende Rolle, zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Bindung in der Gruppe wurde eine harmonische Synthese gesucht, eine natürliche, in Geist und Praxis freie Lebensweise immer angestrebt. Jeder Einzelne wurde als freie, eigenständige Persönlichkeit betrachtet, mit der Möglichkeit des ungehinderten Beitrags zu der Meinungsbildung der Gemeinschaft, deren Mitgliederzahl immer überschaubar blieb. Es wurde aber eine Einordnungsbereitschaft vorausgesetzt, deren Grenzen nicht bei eigenen Wunschvorstellungen, sondern im Gewissen jedes Einzelnen lagen. Im Allgemeinen wurde ein klares Ausleseprinzip verfolgt. Führer war man auf Dauer nicht durch Ernennung, sondern durch die Anerkennung durch die Geführten.

In der Praxis beschränkte sich die Jugendbewegung auf den deutschsprachigen Raum Mitteleuropas. Die Meinungen darüber, ob die Jugendbewegung mit dem 1. Weltkrieg oder der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 ein Ende gefunden habe oder noch bis heute weiterlebe, sind geteilt.

Wandervogel

Der aus dem Steglitzer Schülerkreis unter Hermann Hoffmann hervorgegangene und 1901 offiziell gegründete und so genannte Jungenbund, dessen bekanntester Führer Karl Fischer war, ursprünglich ziemlich monarchisch-autoritär geführt, galt für die Lebensform der fahrende Schüler oder Scholar des Mittelalters als Vorbild. Sehr bald schon (ab ca. 1904) spaltete sich dieser Ur-Wandervogel in zahlreiche Bünde, die aus persönlichen oder sachlichen Gründen (Aufnahme von Mädchen und Lehrlingen, demokratische Führungsprinzipien u. a. ) etwas abweichende Formen annahmen, aber im allgemeinen dem Wandervogelgedanken treu blieben und sich gegenseitig trotz aller Streitigkeiten als "zugehörig" anerkannten. Es gab u. a. den Altwandervogel (AWV), den Wandervogel e.V., den Jungwandervogel, den Wandervogel Deutscher Bund und viele andere.

Der erste und wichtigste Geschichtsschreiber des Wandervogels war Hans Blüher, dessen starke Betonung der allumfassenden Freundschaft als treibender Kraft im Wandervogel heftige Auseinandersetzungen hervorrief. Aus der Wiederentdeckung des Volksliedes und der Gitarre entstand im Wandervogel durch Hans Breuer in Heidelberg das berühmte Liederbuch "Der Zupfgeigenhansl".

Der 1. Weltkrieg unterbrach die Entwicklung, doch gab es einen starken "Feldwandervogel" und in der Heimat weiterhin, meist von Mädchen geführte, Gruppen. Von etwa 12.000 ins Feld gezogenen Wandervögeln kamen nur ca. 5.000 wieder, viele fielen bei dem bekannten Sturmangriff bei Langemarck.

Nach 1918 entstanden außer den bestehenden auch neue Wandervogelbünde, so Z. B. der "Nerother Wandervogel", der durch Robert und Karl Oelbermann gegründet wurde und seither als reiner Jungenbund besteht. Mit seiner Burg Waldeck war der Nerother Wandervogel einer der lebendigsten und geheimnisvollsten Bünde der Jugendbewegung und wurde vor allem durch seine weltweiten Großfahrten und seine vielen eigenartigen und meist selbst verfaßten Lieder bekannt. Geführt wurde er nach den in den so genannten "Weistümern" niedergelegten Leitsätzen, deren Bedeutung im heutigen Nerother Bund umstritten ist.

Bündische Jugend

Historisch der Sammelname für die vielen jugendbewegten Bünde der Zeit von ca. 1919 - 1933 (bzw. bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten) und für die Bünde nach 1945.

Nach 1919 wurden die Formen wesentlich straffer als die des Wandervogels (z. B. gemeinsame, uniformähnliche "Kluft", Marschieren im Gleichschritt u. ä.). Vielfach wurde die Ursache für die deutsche Niederlage 1918 gesucht, was zum Entstehen nationaler Bünde führte, aber auch solcher, die sich ganz anderen und oft recht fernliegenden Leitgedanken und auch Halbwahrheiten verschrieben. Es gab sicherlich Bünde, die als Vorläufer der Hitlerjugend bezeichnet werden könnten, doch waren sie nicht in der Überzahl.

Freiwilligkeit war auch weiterhin Grundsatz, doch wurde im allgemeinen das Einhalten bestimmter Lebens- und Verhaltensregeln und ein stufenweises Aufsteigen z. B. durch Ablegen von Erprobungen gefordert. Parallelen zu historischen, oft sehr einflußreichen und staatstragenden Männerbünden (wie Ritterorden, Mönchsorden, geheime Gesellschaften u. ä.) gab es durchaus, besonders in Führer- und Älterenkreisen, bekannt wurde z. B. der "Weiße Ritter". Das Singen verlagerte sich vom Volkslied auf ein "typisch bündisches" Liedgut, oft mit mystisch-soldatischem Hintergrund, im Marschtakt, mit Landknechtstrommeln usw. Im Text kamen immer wieder Begriffe wie "jagende Rosse, Silberlanzen, gespannte Bogen, Zelte und Feuer, verlorene Haufen" u.ä. vor. Es waren im Grund nicht militaristische, sondern Lieder der Sehnsucht. Der Fahrtenstil und das Lagerleben strafften sich ebenfalls, wobei bis heute die "bewegteren" Bünde das Schwergewicht auf die "Fahrt", die gemäßigteren mehr auf das "Lager" legen. Beide Formen haben ihren Sinn, es kommt nur darauf an, sie richtig einzusetzen. Bündische Formen entstanden wesentlich auch aus der Verbindung und gegenseitigen Befruchtung von Wandervogel- mit Pfadfinderbünden (siehe diese), besonders nachdem die Pfadfinder bei der bekannten Tagung auf Schloß Prunn (1919) zum großen Teil aus einer mehr organisatorischen auf bewegtere Formen umgeschwenkt waren.

Außer der eben beschriebenen "bürgerlichen" Jugendbewegung gab es auch Ansätze zur Arbeiter-Jugendbewegung, die sich z. B. beim 1. Jugendtag des "Verbandes der Arbeiter-Jugendvereine Deutschlands" in Weimar 1920 in stark bündischem Stil zeigte, eine Richtung, die sich aber später wieder zugunsten der parteipolitischen Arbeit abschwächte. Tusk (siehe Jungenschaften) versuchte viel später, zu diesen Gruppen Verbindungen zu knüpfen, die aber weder damals noch später sehr tief gingen.

Alle Gruppen und Bünde wurden 1933-34 von den Nationalsozialisten aufgelöst, Überlebensversuche oder Bestrebungen, z. B. die Hitlerjugend (Jungvolk) zu unterwandern, enden auf die Dauer erfolglos, viele Führer werden verhaftet, manche sterben im KZ (z. B. der Führer des Nerother Wandervogels, Robert Oelbermann). Teile der bündischen Jugend arbeiten illegal weiter, was zu immer wiederkehrenden Staatsaktionen gegen sie führt.

Nach 1945 entstanden viele der alten Bünde neu und setzten sich trotz vieler Verleumdungen und Widerstände bis heute durch. Auf eine Flaute in den späten 60er und frühen 70er Jahren ist wieder ein Ansteigen des Interesses festzustellen. Grundsätzlich neue Formen sind aber nicht in Sicht und vielleicht auch nicht erforderlich.

Jungenschaften

Entstanden aus der "dj.1.11" (Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929), später mit dem öjk (österr. Jungen-Korps) unter Hans Graul verbunden. Gegründet von "tusk" (Eberhard Koebel) in Abkehr von den großen Bünden und sich auf kleine Gruppen ("Horten") stützend, die nach neuen Grundsätzen leben, z. B. Ablehnung von Gehorsam und Treue, "Selbsterringung", Auffassung der Gruppe nicht als Ziel-Gemeinschaft, sondern eher als Milieu zur Selbstentfaltung usw. Allerdings verfolgte tusk selbst je nach Notwendigkeit und Entwicklung keine gerade Linie, sondern variierte sie mitunter ganz erheblich. Der Versuch, mit der dj.1.11 die gesamte deutsche Jugendbewegung zu unterwandern ("rot-graue Aktion") mißlang allerdings trotz großer Hingabe und beispielhaftem Schwung. Tusk: ... "Jugend ist Entwicklung. Entwicklung ist Haß gegen den bisherigen Zustand und die Liebe zum besseren Menschen. Das wieder ist Revolution." Aber auch: "... wir wollen alles besser lernen und besser können: besser singen, besser schweigen, besser schlemmen, besser fasten, grimmig arbeiten und hemmungslos faulenzen."

Trotz aller "Selbsterringung" hatte die dj.1.11 straffe, soldatische Formen neben intensivem Ausleben aller Möglichkeiten, ausgesprochen elitäres Denken und, vor allem in der weiteren Entwicklung, ein weniger bündisches als vielmehr jugendpolitisches Wollen. In den "Garnisonen" und den "Kadetten-Korporalschaften" (an denen auch Gruppen der Arbeiter-Jugendbewegung, Agitprop-Gruppen u.ä. teilnahmen) wurden die heutigen "Kommunen" schon vorweggenommen. Als tusk sich dann offen zur kommunistischen Partei bekannte und ihr 1932 beitrat, folgten ihm allerdings nur ein kleiner Teil der Jungenschaftler.

Die dj.1.11 hat auf fast alle bündischen Formen eine starke, prägende Wirkung gehabt. tusk selbst und der Graphiker Fritz Stelzer (pauli) schufen einen eigenen Stil, der sich z. B. in den beiden Liederbüchern "Lieder der Eisbrechermannschaft" und "Soldatenchöre der Eisbrechermannschaft" niederschlug. Die Bekanntschaft mit dem russischen und vor allem kosakischen Singen (Donkosakenchor von Sergej Sharoff), die Balalaika als bündisches Instrument, die Juja, die Kohte und die Jurte, die Pelzmütze und die Rubaschka, sie alle gehen auf tusk zurück.

Eine Besonderheit bildete das von Fred Schmid gegründete "Graue Korps", das von vorneherein auf eine kleine Elite beschränkt wurde und in dem jeder sich besonders hohen Anforderungen zu stellen hatte. Von einem Angehörigen des Grauen Korps wurde eine Bewährung nicht nur in bündischen Formen, sondern in allen Lebenssituationen erwartet und ein Aufsteigen in möglichst einflußreiche Stellen der verschiedensten Berufe und Richtungen.

Hierher gehörte auch die von teut gegründete "Trucht", die sich zeitweilig mit der dj.1.11 vereinigte, dann aber wieder ihre eigenen Wege ging. Heute werden als "Jungenschaften" meist alle kleineren bewegten Gruppen bezeichnet, die "autonom" sein wollen, sich keinem größeren Bund anschließen und ihre eigenen Wege gehen.

Die heute noch bestehende dj.1.11 und andere größere Jungenschaften sehen heute vielfach ihre Aufgabe vermehrt in politischer Arbeit mit vorwiegend "progressiven" Tendenzen.

Die im Abzeichen der dj.1.11 enthaltenen drei Wellenlinien sollen die drei Wellen der deutschen Jugendbewegung versinnbildlichen: den Wandervogel, die eigentliche bündische Jugend und die Jungenschaften.

Nach 1945 werden unter der Bezeichnung "bündisch" meist alle drei Wellen verstanden, wobei dieser Ausdruck einfach als Gegensatz zu Jugendorganisationen und zur Jugendpflege (siehe diese) gebraucht wird.

Pfadfinder

Gehen alle auf die 1908 in England von Robert S. Baden-Powell (späterer Lord of Gilwell) gegründeten Boy-Scouts zurück, die nach dem Pfadfindergesetz und -versprechen in kleinen Gruppen (Sippen, Patrullen) leben und sich im Erfahren und Erleben von Abenteuer und Kameradschaft das notwendige Wissen und Können (Erprobungen) für die Bewährung in allen Lebenslagen erwerben sollen. Die "Gute Tat" und das "Allzeit bereit" geben die Geisteshaltung wieder, die sich bis heute trotz verschiedenster Anpassungsentwicklungen im Grunde erhalten hat.

Die Pfadfinder der ganzen Welt betrachten einander als Brüder und sind, soweit es sich um "anerkannte" Bünde handelt, im "Internationalen Pfadfinderbüro" vereinigt, allerdings bei Wahrung der nationalen Eigenheiten. Eine Art Pfadfinderhochschule (Waldschule, Gilwell-Park) trägt zur Einheit in den Grundideen bei. Alle vier Jahre finden große internationale Pfadfindertreffen, die "Welt-Jamborees", statt, für Ältere die "Rover-Moots".

Die deutschen Pfadfinder waren bis 1950 (zum großen Teil aus eigenem Nicht-Wollen) international nicht anerkannt, und auch heute gibt es einige deutsche Pfadfinderbünde, die darauf keinen Wert legen. Der Streit um die verächtlich "scoutistisch" genannten und die bündischen Pfadfinderformen in Deutschland ist uralt und geht meist polemisch am Wesentlichen vorbei. Eigentlich haben gerade die Scouts mit der Vorstellung gebrochen, daß man Gruppen nur aus der "tiefen Seele heraus" führen könne und solle, denn sie führten das Wissen und Können ganz planmäßig ein, so daß das eine das andere ergänzen konnte und man damit auch dem vielbesprochenen Lebensbund näher kam. Wo allerdings des Guten zuviel getan wurde und aus dem Pfadfindertum eine Art freiwilliges Schulsystem entstand, handelte man auch direkt im Gegensatz zu den Gedanken Baden-Powells, der das Abenteuer und nicht die Schulbank in die Mitte seiner Pfadfinderidee stellte. Zu den jetzt bei uns als "bündisch" anerkannten Lebensformen haben die Pfadfinder jedenfalls ohne jeden Zweifel sehr viel beigetragen und tun es heute noch. Es ist allerdings notwendig, in dieser Frage jeden einzelnen Bund und fast jeden Stamm gesondert zu betrachten, um festzustellen, ob er zum bündischen Bereich zu zählen ist oder nicht.

Jugendorganisation

Geht im wesentlichen auf Gründungen von Erwachsenenverbänden zurück, die für sich entsprechenden Nachwuchs sicherstellen wollen (z. B. parteipolitische, gewerkschaftliche, konfessionelle, sportliche u. ä. Verbände).

Meist führen diese Mutterverbände ihre Jugendorganisationen "am langen Zügel" und erlauben ihnen auch gemäßigt-bündische Formen, aber nur so lange, als sie ihre Gesamtziele nicht gefährdet sehen.

Dabei kann es geschehen, daß einzelne Gruppen ausbrechen und klar bündisch werden, ein meist für alle Beteiligten schmerzlicher Vorgang. Die Grenzen sind manchmal unscharf, im Zweifelsfall halte man nach einer maßgebenden Erwachsenenorganisation Ausschau, ist eine solche vorhanden, wird der entsprechende Jugendverband wohl eher eine Organisation als eine bündische Gruppe sein.

Jugendpflege

Wird im allgemeinen von kommunalen oder privaten wohlmeinenden Stellen durchgeführt, "um die Jugend vor den Gefahren der Straße zu schützen".

Ideologische oder parteipolitische Gesichtspunkte stehen dabei meist nicht direkt im Vordergrund, auch geht es nicht um Nachwuchs für irgendwelche Erwachsenenverbände. Beispiele: Jugendzentren, "Häuser der Jugend", Jugendklubs u.ä. Als Leiter sind meist Sozialpädagogen, Werklehrer u.ä. tätig. Wenn zufällig ein Bündischer in so einer Einrichtung wirkt, kann er daraus manchmal gute Leute für bündische Gruppen herausholen. Normalerweise aber steht das Jugendpflegerische dem Bündischen ziemlich fern.

Die eigentliche soziale Jugendfürsorge, also die Betreuung behinderter, schwer erziehbarer oder verwahrloster Jugendlicher ist wieder eine Welt für sich, in der allerdings heute oft bündische Führer in sozialpädagogischer Berufsarbeit Hervorragendes leisten. Mit Jugendbewegung oder bündischen Formen hat aber diese Arbeit wenig zu tun, und die Versuche, "Fürsorgezöglinge" bündisch zu führen, enden meist kläglich. Überhaupt besteht zwischen dem Grundsatz sozialer Fürsorge für alle und der Förderung Ausgesuchter, dem Verströmen und der Konzentration, ein oft mißverstandener Unterschied: auch Christus war für alle da, konzentrierte sein Wirken aber auf den ausgewählten Kreis seiner 12 Apostel. Konzentration und Auswahl nach Innen und Öffnung nach Außen bleibt immer die schwierige, aber notwendige Forderung, Hochmut immer ein Verhängnis.



III. Was ist bündisch? Von Ludwig Liebs

Was kennzeichnet eine gute Jungengruppe, die sich bündisch nennt, die sich der bündischen Jugend zugehörig fühlt? Ist es die Freundschaft, die die einzelnen Jungen in ihr und mit dem Gruppenführer verbindet? Genügt Freundschaft, genügt die Summe solcher Freundschaften, damit eine bündische Gruppe lebt?

Daß Freundschaft zugleich Liebe meint, Liebe im tiefstverstandenen christlichen Sinne, muß gesagt, kann aber auch mißverstanden werden. Liebe also nicht als Sentiment, als kleines Glückserlebnis, als Rausch ohne Tiefe, sondern Liebe als das ganz Große, das den Liebenden mit seinen ihm vorgegebenen Nächsten verbindet.

Machen Freundschaft, Liebe in diesem Sinne, allein schon das Wesen des Bündischen aus?

Ein kurzer geschichtlicher Rückblick: Das Sich-Zusammenfinden junger Menschen, das um die Jahrhundertwende in Deutschland begann, nannte sich zunächst J u g e n d b e w e g u n g . Das Bewegende und Bewegte wurde betont, die Fort-Bewegung von hergekommenen Lebensformen, Lebensinhalten zum Eigenen hin. Das Suchen stand im Vordergrund, auf vielen Wegen, in vielen Experimenten, in viele Gefährdungen hinein. Bünde wuchsen und splitterten sich wieder auf. Eine fast unübersehbare Vielfalt entstand. Etwa zwei Jahrzehnte später begann für diesen lebendigsten Teil Deutscher Jugend ein neuer geschichtlicher Abschnitt. Gruppe, Gau und Bund wurden immer mehr zur selbstverständlichen, zwar oft diskutierten, aber nie in Frage gestellten großen Aufgabe, zur Notwendigkeit des eigenen, gemeinsamen Lebens, um die man miteinander rang. Volk und Nation wurden als Aufgaben begriffen, nicht als höchste Werte.

Man war bereit, für den Bund vieles, mitunter alles einzusetzen. Man war bereit, das ganze Leben von der Gruppenzeit über das Studium, über die Berufswahl hinweg auf den Bund hin anzulegen. Dabei wurde der Bund, so wie ich ihn kennengelernt habe, nicht idealisiert. Norbert Körber nannte ihn einmal eine ernst, mit zusammengebissenen Zähnen zu bewältigende Aufgabe. wenn wir an den Bund in diesem Sinne dachten, so meinten wir auch gar nicht mal immer so sehr den einen Bund, dem wir organisatorisch und in vielen menschlichen Bindungen zugehörten. Da Bund die große Aufgabe war, deren Erfüllung eigentlich erst in der Zukunft lag, waren die unserem Wesen verwandten Bünde in Gedanken, mindestens in der Intuition einbezogen.

Kamen die Freundschaften, kam die Liebe dabei zu kurz? Mitunter gab es Diskussionen, ob der einzelne Mensch um der Gruppe, um des Bundes willen da sei oder ob Gruppe und Bund um des Einzelnen willen bestanden. Wir fanden, die Frage sei falsch gestellt. Eine Gruppe, ein Bund, der nicht denen, die dazugehören, die tiefste Erfüllung des Lebens ermöglicht, hat seinen Sinn verfehlt. Aber zur Sinnerfüllung des Einzelnen gehörte eben für uns ganz und gar das In-der-Gruppe-Sein, das Im-Bunde-Sein. Um unserer selbst willen zunächst, das war der Ausgangspunkt. Aber auf diesem Willen, auf dieser Sehnsucht, auf dieser Getriebenheit, auf dieser Entelechie bauten sich Gruppe und Bund auf.

Als sich mehrere der lebendigsten Pfadfinderbünde mit den, so darf man es wohl schon nennen, jungenschaftlich gewordenen Wandervogelbünden und ihren Jungmannschaften zusammenschlossen zur großen D e u t s c h e n  F r e i s c h a r , da vollzogen weitschauende Führer den vorgegebenen Willen ihrer Gruppen und Gaue. Sie trugen dazu bei, eine bündische Sehnsucht Wirklichkeit werden zu lassen, die in der jahrelangen Entwicklung seit dem Ende des 1. Weltkrieges immer stärker geworden war. Wenn ich im folgenden fast ausschließlich von der Deutschen Freischar spreche, so deswegen, weil sich mir in ihr d a s B ü n d i s c h e am sichtbarsten, am lebendigsten verkörperte.

Als im Jahre 1931 bei Crossen an der Oder, dort wo der Bober vor seiner Einmündung in den größeren Fluß eine große Schleife bildet, dreitausend Jungen, junge Männer und eine Reihe "gestandener Mannsbilder", wie man in Bayern sagen würde, zum Bundestag zusammenkamen, als auf diesem Bundestag auf Schritt und Tritt eine tiefe brüderliche Verbundenheit über die Grenzen der Gruppen und Gaue hinweg unmittelbar zu spüren war, lebendig war, im Leben des Bundestages wirkte, ist dort Bund im Sinne Bündischer Jugend sichtbar geworden. Zu dieser Zeit gehörten etwa 8 - 10.000 Jungen und junge Männer zur Deutschen Freischar. Bund war eine Wirklichkeit über das ganze Gebiet des damaligen Deutschen Reiches hin, auf die man sich verlassen konnte. Kam man von Sachsen nach Bayern, von Schlesien nach dem Rheinland, so war man bei jedem, der zum Bunde gehörte, Gast, auch wenn man ihn vorher persönlich nicht gekannt hatte.

Niemals allerdings war Bund vollendete Harmonie. Es gab Mißverstehen, Krach, Gegensätze und Auseinandersetzungen bis zu tiefster persönlicher Feindschaft hin. Aber der Bund wurde davon nicht betroffen. Ich will nicht sagen: man war in ihm geborgen. Geborgenheit gab es wenig in jener Zeit. Der Bund war das Fordernde für uns, das Anspornende, das uns Aufgegebene, obgleich und weil es kein Programm, keine Satzung, keine formulierte alleingültige Marschrichtung des Bundes gab.

Wir w a r e n  b ü n d i s c h aus einem tiefen Ahnen und Wollen heraus, weniger aus einem bewußten Entschluß. Das Bewußtmachen wurde später versucht, war auch notwendig, war aber damals nicht Voraussetzung. Wir fühlten, wie sinnlos unser Leben sein würde, wenn es nicht von einer starken Bindung zum geliebten anderen Menschen erfüllt war, wenn es ohne Freundschaft war. Aber mir ist gerade in jener Zeit auch immer wieder bewußt geworden, wie leicht jede Freundschaft sich abnutzen kann, wenn sie abgeschlossen bleibt von einem Umfassenderen, wenn nur der Freund den Freund als sein Gegenüber hat, in ständiger Wiederholung. Heimabend, Fahrt, Singen, Musizieren, Werken, Gestalten, Spielen in aller vielfältigen Art, alles das ist in der Gruppe großartiger, lebendiger, fruchtbarer als in der Zweisamkeit, weil immer wieder vom Beispiel der Gleichaltrigen und der Erfahreneren, der Könnenden angeregt. Das alles machte unsere Freundschaften schöner, größer, sinnvoller.

Zum bündischen Wesen gehörte, und das ergab sich zwanglos aus der Gemeinsamkeit im Gau, seltener in der für sich lebenden Gruppe, daß nicht nur Freundschaften zwischen Gleichaltrigen entstanden, sondern starke Bindungen über alle Spannen des Lebensalters hinweg. Der pädagogische Eros fand Möglichkeiten des Wirkens, der Verwirklichung, die im System unserer Schulen und in der isolierten Familienerziehung nur ganz selten gegeben waren. Die fruchtbare geistige und menschliche Verbundenheit zwischen Sokrates und seinen Schülern, von der wir auf den Gymnasien begeisterte Schilderungen unserer Altphilologen gehört hatten, blieb uns Theorie, bis wir sie im Bunde selbst erlebten.

Nun, das ist Geschichte. Geschichte der Bündischen Jugend. Fast alles, was in den 20er Jahren entstand, wurde 1933 und 1934 mitten im Wachsen brutal zerschlagen. Anfang der 50er Jahre haben einige Freunde mit mir versucht, einen neuen Weg zum Bunde solcher Art zu finden. Der Versuch mußte wohl scheitern, er war zu früh, er war vor allem ohne die nötige geistige Klarheit unternommen worden. Denn so ganz und gar aus dem zunächst Unbewußten heraus wieder den Weg zum Bündischen hin zu gehen wie in den 20er und ersten 30er Jahren, das ist in dieser Zeit wohl nicht mehr möglich.

Vielleicht können ein paar Arbeitsthesen dazu beitragen, zur Klärung dessen zu helfen, was in dieser Zeit möglich und, davon bin ich überzeugt, notwendig ist:

1. Alles kommt auf den M e n s c h e n an, auf den einzelnen, einmaligen Menschen, auf die Erfüllung, die Erfülltheit (Gegenteil von Leere) seines Lebens. Die Erfülltheit findet er nicht in der Isolierung, nicht im Alleinbleiben.

2. Nur wer zur Freundschaft, wer zur Liebe fähig ist, ist auch fähig, zu einer Gruppe, zum Bund zu gehören.

3. Gruppe und Bund tragen ihren Sinn in sich. Immer aber sind sie und müssen sein der Lebensraum, in dem sich die zu ihnen gehörenden Menschen und die Freundschaften unter ihnen voll entfalten können. Zum bündischen Wesen gehört die Verbundenheit über die Generationen hinweg. Der Wert eines Menschen und seine Bindung an ihn wird nicht von seinem Alter bestimmt, weder im positiven noch im negativen Sinne, sondern durch die Qualität seines Menschseins.

5. Das sinnvolle Leben des Einzelnen, Freundschaft, Liebe, lebendige Gruppe und wirklicher Bund sind nicht möglich ohne die (wenigstens im Unbewußten wirkende) Religio, ohne die Rückbindung (re-ligio) an ein Transzendentales, ohne metaphysische Entelechie.

6. Die größte Gefahr für jede Gruppe und jeden Bund und auch für jede Freundschaft ist der Versuch, die Versuchung, einen anderen Menschen besitzen zu wollen, über ihn verfügen zu wollen, ihn beherrschen zu wollen, ihn zu vereinnahmen. Besitzwille ist auch das Gegenteil von Führung im bündischen Sinn.

7. Bündisch sein heißt auch, immer und vor allem ganz und gar Mensch sein, mit Geist und Körper, mit Leib und Seele. Es kann und darf nie eine Moral des Bundes geben, sondern immer nur das Gesetz der Liebe. Wo Bund ist, für den bündischen Menschen also bedarf es nur dieses Gesetzes, des Liebesgebotes, so wie es einst der Gruppenführer Jesus v.  Nazareth ausgesprochen hat. Dies ist das Fundament des Bündischen, des B u n d e s.

Zu diesen Texten siehe auch: http://www.strubb.de/buendisch_ist.htm

 
DPV mit neuem Vorstand
Gründung der Wandervogelbewe...
Peter-Rohland-Singewettstrei...
Stefan George und die Jugend...
Der Dichter Berthold Daut
Typ
Silvester 2015/2016 auf der ...
Die "Weiße Rose"
Sommertreffen des Mindener K...
BdP wird 40!
Winterbauhütte Ludwigstein
Podcast: Gründung des Wander...
Weihnachtssingen Rabenhof Lü...
Radio BR2: Jugendbewegung
Aufsatz 100 Jahre Hoher Meiß...
Glocke auf den Hohenkrähen
BDP-Bundeslager 1954
Es begann 1913
Filmtipp: "Oh Boy"
Vor 30 Jahren starb Sid Vici...
Vor 75 Jahren: Kampf um das ...
"Bund und Staat": ein Angrif...
"Mädel verpflichtet": Nazi-W...
1949: 50 Jahre Deutsche Juge...
Vor 40 Jahren: das Ende eine...
Pfadfinder - das Finderprinz...
swobl schreibt über den GRAU...
Bündische Jugend: das NS-Ver...
Unterwegs im Wunderland - Li...
Geschichte der dt. Jugendbew...
Wer war tusk?
Die Weiße Rose: Willi Graf
Bündische Jugend
Kleine Pfadfindergeschicht...
Edelweißpiraten
Wer war Walter Flex?
Der Wandervogel-Greif
Was ist bündisch?
Zum Begriff Pimpf
Siebenbürger Wandervogel
75 Jahre Pfadfinderbewegung ...
Zelte in der deutschen Jugen...
Copyright 2004 schriftleitung.org
 


30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.