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Die Bündische Jugend

Einleitung

Die Jugendbewegung der Weimarer Republik - besser bekannt unter dem Namen Bündische Jugend - ist als Gesamtphänomen betrachtet ein Stück deutscher Geschichte, das m.E. in der heutigen Vermittlung historischen Wissens bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Im Gegensatz zur anfangs eher apolitischen Wandervogel-Bewegung der 1890er Jahre gelang es der Bündischen Jugend, sich als eigenständiger gesellschaftspolitischer Faktor innerhalb des Weimarer Staatswesens zu etablieren. Vielerorts fanden ihre Ideen Eingang in die Programmatik der politischen Parteien, und auch die Resonanz bei der eigentlichen Klientel, den Jugendlichen über 14 Jahren, war größer als noch im Kaiserreich. So waren im Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände bis 1933 nicht weniger als 60 Bünde mit insgesamt ca. 18 Millionen Mitgliedern organisiert. Dies möchte ich im folgenden genauer darstellen.

Zielsetzung der Arbeit ist es aber auch, durch die Beschäftigung mit der Jugendbewegung wichtige Aspekte der Entstehungsgeschichte des sogenannten "Dritten Reiches" aufzuzeigen und Erklärungsansätzefür den Erfolg der NSDAP und ihres Sammelsuriums verschiedener Ideologiefragmente zu liefern. Wesentliche Grundlage meiner Arbeit ist die Quellensammlung der Dokumentation der Jugendbewegung Band III.

I. Politische Strömungen der Bündischen Jugend von 1918 bis 1930

Die Jungsozialisten (JS)
Mit der Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten von 1914 war der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung erreicht, die zu einer zunehmenden Verwässerung einstiger sozialdemokratischer Ideale und zur Abspaltung des linken Flügels geführt hatte. Gerade vor diesem Hintergrund formierten sich seit dem Frühjahr 1919 eine ganze Reihe sogenannter jungsozialistischer Gruppen, darunter auch solche, deren Mitglieder ihre politische Sozialisation erst im Gefolge der Novemberrevolution erfahren hatten. Demgegenüber befand sich die im Geist der Arbeiterjugend der Vorkriegszeit wurzelnde Älterenschaft in der Minderheit.

Zum Tagungsort des ersten überregionalen Treffens wurde Weimar bestimmt; die hier im August 1920 verabschiedeten Grundsätze unterstrichen die oben genannten Mehrheitsverhältnisse. So ließe sich der Sozialismus nicht allein über den Klassenkampf verwirklichen, er müsse vielmehr der geistige Leitfaden eines Lebens in der Gemeinschaft sein. Kritisiert wurde in diesem Zusammenhang vor allem der so wörtlich unzulängliche Kulturinhalt der SPD-Parteiarbeit. Einen Schwerpunkt der jungsozialistischen Aktivitäten bildete denn auch die Gründung eigener Intellektuellen-Zirkel, die dem zu Beginn der zwanziger Jahre einsetzenden Bildungsdrang der Arbeiterjugend Rechnung trug. Kurse für Begabte wurden eingerichtet, um ihnen den Zugang zum Abitur oder zur Universität zu ermöglichen. Unter dem geistigen Einfluß linksgerichteter Hochschullehrer wie z.B. Gustav Radbruch zog die junge Bewegung zunehmend auch Akademiker an, die nicht dem Arbeitermileu entstammten.

Trotz ihrer betonten Distanz zur SPD schloß die jungsozialistische Programmatik ein klares Bekenntnis zur Demokratie und darüber hinaus zum Weimarer Staatswesen ein. Am Generalstreik der Berliner Bevölkerung während des Kapp-Lüttwitz-Putsches beteiligte man sich ebenso wie am passiven Widerstand gegen die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen 1922.

Auf seiner Großen Tagung zum Osterfest 1923 in Bochum definierte sich der Bund ganz bewußt als staatstragende Organisation - nicht zuletzt, um das in der sozialistischen Bewegung noch immer lebendige Mißtrauen gegenüber unserem eigenen (...) Volk zu überwinden. (vgl. Dokumentation S. 1028 ff.) Hintergrund dürften wohl die verstärkten fundamentalistischen Tendenzen innerhalb der Sozialdemokratie seit der Vereinigung mit der an Flügelkämpfen zerbrochenen USPD sein. Die JS indes blieben von dieser Entwicklung nicht unberührt: als Gegenpol zum liberalen Hofgeismarerkreis, der in seinen Politischen Rundbriefen regelmäßig Themen wie z.B. die politische Entwicklung der Bündischen Jugend aufgriff, konstituierte sich schon im August 1924 der eindeutig marxistische Hannoveranerkreis, der mit Forderungen wie dem Anschluß an die Kommunistische Internationale und schärfstem Klassenkampf hervortrat. Beide Zirkel boten in den folgenden Jahren große Anstrengungen auf, um die bis dahin noch unentschlossene Mitte auf ihre Seite zu bringen.

Eine richtungsweisende Entscheidung brachte schließlich der Reichsjugendtag 1925 in Jena: zunächst setzten die Linken gegen die Stimmen der nicht vollzählig erschienenen Hofgeismarer eine Resolution durch, die die politische Verantwortung für den bürgerlichen Klassenstaat Weimarer Republik eindeutig von sich wies. Bei der anschließenden Wahl zum Schriftleiter der Jungsozialistischen Blätter unterlag der kommissarische Redakteur Max Westphal - in Personalunion Vorsitzender der SPD-eigenen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) - dem Hannoveraner Engelbert Graf. Damit waren die Weichen für eine Spaltung der jungsozialistischen Bewegung gestellt.

Schon ein Jahr nach Jena, im Januar 1926, eskalierten die vorprogrammierten Auseinandersetzungen. Anlaß war die von seiten der Linken erhobene Forderung, dem nationalrevolutionären Schriftsteller Ernst Niekisch, der u.a. für die Hofgeismarer als Gastautor in den Politischen Rundbriefen tätig war, die SPD-Mitgliedschaft zu entziehen. Der aufflammende Protest endete schließlich im Auszug der Hofgeismarer aus dem Jungsozialistischen Bund; ihr Versuch, über die direkte Mitarbeit in der Partei, dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wieder politischen Einfluß zu erlangen, blieb weitgehend ohne Erfolg.

Die nun einseitig marxistisch dominierten Jungsozialisten verloren im Zuge der oben beschriebenen Auflösungserscheinungen rasch an Attraktivität; waren 1924 noch über 4000 Mitglieder registriert, so war deren Zahl sechs Jahre später um gut die Hälfte geschrumpft. Im Zuge dieses Mitgliederschwundes nahm aber auch die politische Radikalisierung des Bundes einen Lauf, der der SPD zunehmend Sorgen bereitete. Auf dem Leipziger Parteitag von 1930 legte der SAJ-Vorsitzende Erich Ollenhauer einen Plan zur Reorganisation der sozialdemokratischen Jugendverbände vor, der den JS jegliche Unterstützung der Mutterpartei entzog und mit großer Mehrheit gebilligt wurde.

Unterdessen hatten - nicht zuletzt unter dem Eindruck des beginnenden Aufstiegs der NSDAP - ehemalige Hofgeismarer den Versuch gestartet, in einer Reihe von Publikationen den Geist der Ostertagung von 1923 wiederzubeleben. Konkret bedeutete das auch, für sozialdemokratisches Verständnis politisch heiße Eisen anzufassen, wie etwa das Thema Führer und Masse oder Katholizismus und Sozialismus. Weiterhin beteiligte man sich auch an einer großangelegten Klausurtagung zu Pfingsten 1928 in Heppenheim, wo u.a. der religiöse Sozialist Paul Tillich, ab 1930 Herausgeber der Monatsschrift Neue Blätter für den Sozialismus und der spätere Herausgeber der Frankfurter Hefte Walter Dirks referierten. Gleichwohl fanden ihre hartnäckigen Forderungen nach Erneuerung und Verjüngung der deutschen Sozialdemokratie bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 wenig Gehör.

Die Deutsche Freischar (DF)
In den Anfängen der Weimarer Republik war die überwiegende Mehrheit der verantwortlichen Führer innerhalb der Bündischen Jugend noch darum bemüht, möglichst keine Kontinuität zum Geist der Vorkriegsbewegung erkennen zu lassen. Durch die Erfahrung eines vierjährigen totalen Krieges desillusioniert, lehnten sie den Romantizismus der einstigen Wandervögel als naive und unverzeihliche Schwärmerei ab. Als logische Konsequenz aus dieser Einsicht wählten sie ihre Klientel fortan nach politischen bzw. konfessionellen Kriterien aus. Auch an den so heftig Kritisierten war die Entwicklung nicht gänzlich vorübergezogen. Von den aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrten Älteren hatte man sich abgesetzt; die überkommenen Traditionen aber gerieten nicht so schnell in Vergessenheit.

Es war dann auch die Aversion dieser Kreise gegen die jetzt einsetzende bündische Eigenbrötelei, die im Lauf der zwanziger Jahre den Ruf nach einer Versöhnung beider Richtungen und einem überparteilichen Jugendbund laut werden ließ. So wollte man die alten Wandervogel-Ideale auch weiterhin tradiert wissen - im Geiste sozialer und nationaler Verantwortung, wie es hieß.

Von der Mehrzahl der bündischen Führer wurden diese Überlegungen zu diesem Zeitpunkt noch nicht geteilt; es handelte sich vor allem um kleine, regional verwurzelte Verbände, die dem Aufruf zur Einigung folgten. So kam es 1924 zur Fusion von Resten des Altwandervogels mit schlesischen und sächsischen Jungmannschaften. 1926 stieß noch der Neupfadfinderbund hinzu - die Deutsche Freischar war entstanden. Das Bindeglied innerhalb der politisch doch recht heterogenen DF stellten im wesentlichen intellektuelle Kreise und Studentenverbindungen dar, deren großes Bedürfnis nach verstärkter Volksbildungsarbeit und der Organisation z.T. aufwendiger Auslandsfahrten dem neuen Bund zugute kam. Gleich zwei bedeutende Theoretikerzirkel fanden hier eine Wirkungsstätte, die in der Mitte angesiedelte Reichsgruppe bündischer Jugend und der der SPD nahestehende Leuchtenburgkreis. Darüber hinaus hatte die Freischar in Ernst Buske einen weitsichtigen Führer, der eine klare Vorstellung von den Möglichkeiten und Grenzen der bündischen Politisierung besaß.

Über diese Verbindungen erlangte man dann auch eine respektable Vertretung im Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände, in dem das gesamte jugendbewegte Spektrum organisiert war. 1929 wurde dann in Berlin die Bündische Gesellschaft aus der Taufe gehoben - mit einem Vorstand, in dem die Freischar deutlich überrepräsentiert war. Es war die historische Leistung Ernst Buskes, daß ihm als einzigem Jugendführer der Weimarer Zeit der Spagat zwischen bürgerlicher Linke auf der einen und liberaler Rechte auf der anderen Seite gelang. Sein unerwarteter Tod im Februar 1930 bedeutete daher für die Freischar eine starke Zäsur.

In den nach 1929 zunehmend wieder aufflammenden ideologischen Kontroversen profilierte sich vor allem die Schlesische Jungmannschaft, die auf dem rechten Flügel der DF anzusiedeln war. So konnte sie mit ihrer Idee einer Fusion von Deutscher Freischar und konservativem Großdeutschen Jugendbund zwar den neuen Bundesführer Hans Dehmel für sich gewinnen, stieß aber gleichzeitig auf lebhaften Widerstand autonomer und sozialistischer Kreise.

Daß der Führer des GJB Admiral v. Trotha das Ansinnen der Freischar positiv beantwortete, war wohl dem Umstand seiner langjährigen Freundschaft mit dem verstorbenen Ernst Buske zu verdanken. Doch trotz der grundsätzlichen Bereitschaft beider Seiten zu einer Kooperation erwiesen sich die Vorstellungen über die Zusammensetzung des neuen Bundes als zu konträr. So wollte die DF in einer zukünftigen Großdeutschen Freischar auch den linken Leuchtenburgkreis vertreten wissen, was v. Trotha - dessen Präferenzen eher einem Rechtsbündnis galten - entschieden zu weit ging. Ein übriges tat schließlich die deutliche Kritik am so wörtlich patriarchalischen Führungsstil des Admirals.

Die Grenzen der Konzentration waren für die Deutsche Freischar also erreicht. Nicht nur aufgrund des gescheiterten Zusammenschlusses stand das Jahr 1930 für sie im Zeichen der Krise. Innerhalb der Bundesleitung kam es zu erheblichen Rivalitäten; das Aufkommen des Nationalsozialismus ließ zudem für liberale Demokraten Schlimmes vermuten. Unter den Älteren hegte man indes noch die Hoffnung, über die Mitarbeit in den Parteien Einfluß auf die politische Entwicklung nehmen zu können. Im Herbst 1930 - kurz vor der Reichstagswahl - schaltete sich die oben erwähnte Reichsgruppe bündischer Jugend unter der Leitung von Werner Kindt in die Diskussion um die Gründung einer neuen demokratischen Partei ein. Aus dieser Zusammenarbeit mit der alten DDP unter Führung Erich Koch-Wesers und dem nationalkonservativen Jungdeutschen Orden ging schließlich die Deutsche Staatspartei hervor.

Parallel zu dieser Entwicklung hatten übrigens auch andere bündische Gruppen einen parteipolitischen Neuanfang versucht. So nahm beispielsweise der rechtsstehende Jungnationale Bund aktiven Anteil an der Gründung der Konservativen Volkspartei (KVP), einer Vereinigung von Dissidenten der DNVP, die sich Alfred Hugenbergs autoritärem Kurs und der Annäherung an die NS-Bewegung widersetzten.

Der Deutschnationale Jugendbund (DNJ)
Am Anfang des DNJ stand eine vergleichsweise kleine und von den herrschenden Kräften des Kaiserreichs unabhängige Initiative von Schülern Berliner Gymnasien, Deutschnationales Freikorps genannt. Ziel dieser im Oktober 1918 gegründeten Organisation war es, möglichst viele der noch nicht wehrpflichtigen Jugendlichen für den heimatlichen Dienst an der Waffe zu gewinnen, um so Kräfte für den Einsatz an der Westfront frei zu machen.

Der vorläufige Waffenstillstand von Compiegne machte diese Pläne jedoch rasch hinfällig, und unter dem Eindruck von Zusammenbruch und Novemberrevolution wurde das DNF schließlich zu einem Sammelbecken der nationalgesinnten Jugend umfunktioniert. Die Gründung des Deutschnationalen Jugendbundes (DNJ) fand am 4. Januar des neuen Jahres 1919 im Berliner Bechstein-Saal statt.Eine Anlehnung an die Deutschnationale Volkspartei und die mit ihr verbundene Bismarckjugend wurde aber abgelehnt.

Eine intensive Öffentlichkeitsarbeit bestimmte die ersten Jahre des Bundes; die Teilnahme an den Feierlichkeiten zum Empfang heimkehrender Truppen war dabei ebenso Pflicht wie der Protest gegen den Versailler Schandvertrag. Entsprechend groß war auch die Resonanz im gesamten konservativen Spektrum auf die Aktionen des DNJ - 1919 waren reichsweit bereits 50.000 Mitglieder rekrutiert.

Die Bundesführung indes hatte mit einer solchen Zustimmung von seiten der Jugend nicht gerechnet; die hohen Mitgliederzahlen wurden ihr insofern zum Verhängnis, als daß kein einheitliches programmatisches Konzept zustande kam und Spaltungstendenzen beschleunigt wurden. Da war zum einen die im Kaiserreich sozialisierte, altpreußisch gesonnene Führungsschicht, die sich selbst respektive den DNJ als Zweckverband politischer Jugendpflege begriff und mit General Ludendorff an ihrer Seite über eine einflußreiche Persönlichkeit verfügte. Ludendorff, auf Druck der letzten kaiserlichen Regierung entlassen, fühlte sich nunmehr berufen, als Führer aller nationalen Gruppen die alten Verhältnisse wiederherzustellen.

Widerstand gegen dieses Regiment der Altvorderen regte sich vor allem an der Basis, die - gemessen an ihrem politischen Selbstverständnis - eher in der Tradition der Jugendbewegung aus der Vorkriegszeit stand. Der Wunsch nach Selbstbestimmung war dementsprechend groß; inhaltlich sympathisierte man vor allem mit den sogenannten Ideen von 1914, deren Kernthese die Forderung nach preußischem Sozialismus und dem Kampf gegen den westlichen Kapitalismus enthält. Federführend bei der Weiterentwicklung dieses Ansatzes war Alfred Diller, Vorstandsmitglied im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband (DHV); der programmatische Entwurf Jugend ist konservativ und revolutionär zugleich stammt aus seiner Hand (vgl. Dokumentation S. 471 ff.) Das Ausscheiden der Opposition auf dem Bundestag im August 1921 und ihr Aufgehen in einem eigenständigen Jungnationalen Bund ebneten schließlich den Weg für eine Neukonsolidierung des DNJ, der Ludendorff nun offiziell den Ehrenvorsitz antrug. Auf seinen Wunsch hin wurde mit dem kaiserlichen Admiral a.D. v. Trotha ein weiterer Repräsentant des alten Reiches zum Bundesführer gewählt.

Adolf v. Trotha war eine schillernde Persönlichkeit, im Laufe seiner gut zehnjährigen Amtszeit bewies er mehrfach seine ungewöhnliche Integrations-und Führungskraft. Wohl war er Monarchist, doch war er sich über die Schwächen der wilhelminischen Strukturen durchaus im klaren. So ist zum Beispiel sein Verzicht auf äußerliche Autoritätsmerkmale zu erklären, und im Umgang mit den Mitgliedern bemühte er sich um eine offene, vertrauenschaffende Art.

Das starre, oft bürokratische Vereinsleben des DNJ wich unter dem neuen Führer einem sich frei entfaltenden Gruppenleben; im dialogischen Miteinander von Führer und selbstbewußter Gemeinschaft (vgl. Dokumentation S. 472 ff.) glaubte man die ideale Form des politischen Lebens gefunden zu haben. Intensive Kontakte zu gleichgesinnten Gruppierungen vor allem in Österreich entwickelten sich, und vor diesem Hintergrund ist auch die Umbenennung des DNJ in Großdeutscher Jugendbund im August 1924 zu sehen. Ludendorff indessen, der mit der aktuellen Entwicklung überhaupt nicht einverstanden war, gab seinen Ehrenvorsitz 1926 wieder ab.

Zum Ende der zwanziger Jahre hin geriet der GJB zunehmend unter den Einfluß von Theoretikern der Konservativen Revolution ; in einer 1929 abgefaßten gemeinsamen Erklärung mit v. Trotha äußerte der Führer des Jungnationalen Bundes, Dr. Walther Kayser bereits die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung. Eine Klausurtagung in Braunschweig befaßte sich eingehend mit den verschiedenen Formen und Strömungen der nationalen Bewegung; Redebeiträge hielten unter anderem der Schriftsteller Ernst Niekisch und Major a.D. Wagner in seiner Eigenschaft als Stabschef des Stahlhelm. Gleichzeitig vollzog der GJB eine formale Abgrenzung zur aufkommenden NS-Ideologie - so der stellvertretende Bundesführer Gerhard Rebsch in seinem Aufsatz Der Nationalsozialismus als Krisis der Jugendbewegung. Eine Teilnahme an der Anti-Young-Plan-Kampagne des DNVP-Vorsitzenden Hugenberg wurde abgelehnt.

Die Geusen
Seit dem Auftreten der ersten Wandervögel um 1890 hatte nationales Gedankengut Werden und Wirken der Jugendbewegung geprägt. Dabei gingen die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur und das Postulat der Erhaltung und Pflege völkischen Brauchtums eine enge Verbindung ein.

Unter diesen zahlreichen Bünden nahmen die sogenannten Fahrenden Gesellen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges die führende Stellung ein. Vom mächtigen Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband (DHV) protegiert, boten sie einer wachsenden Anzahl von jungen Angehörigen des Kaufmannsstandes ein sozial-kulturelles Betätigungsfeld.

Mit den Ereignissen des November 1918 verband sich für die gesamte Jugendbewegung eine Zeit tiefgreifender Sinnkrise. Geistige Berührungspunkte mit einer SPD-geführten Revolution gab es nur wenige; man stand vor einem Durcheinander der Meinungen und Hoffnungen. Nichts desto trotz begriffen die jungen Kräfte der FG den Umsturz als Chance zu einer Neuformation - und zwar ohne Rücksicht auf Beruf bzw. soziales Milieu. Die so wörtlich Kameradschaft der Schützengräben müsse in Form eines völkischen Bundes wiedererstehen. Dagegen stand jedoch die Politik des alten DHV, die Fahrenden Gesellen als reine Berufsgilde beizubehalten und verstärkt für die gewerkschaftliche Arbeit zu verpflichten.

Die Trennung vom Mutterverband vollzog sich dann Ende August 1919 in der Gründung eines jungvölkischen Bundes unter dem Namen Die Geusen - in Anlehnung an die legendären holländischen Freibeuter des 16. Jahrhunderts und ihren Kampf gegen die spanische Fremdherrschaft.

Die Geusen traten an mit dem Anspruch, über die Persönlichkeitsentwicklung im kleinen Kreis und die Erziehungsgemeinschaft zur Erneuerung von Volk und Staat beizutragen. Man verstand sich als Vorkämpfer eines neuen deutschen Sozialismus, der dem damaligen Schriftleiter der Bundeszeitung Georg Anton zufolge nichts mehr mit Marx und Engels gemein hatte, sondern im Gegenteil anti-materialistisch definiert war.

Die erste Hälfte der zwanziger Jahre stand für die Geusen im Zeichen einer unermüdlichen Bündnispolitik, die in der Gründung eines sogenannten Deutschwandervogels 1925 aus mehreren gleichgesinnten Bünden gipfelte. Doch trug die Mehrheit der völkischen Gruppen einfach zu stark sektiererische Züge, als daß eine straff organisierte Bewegung hier hätte Zusammenhalt stiften können. So brach der neue Bund noch im gleichen Jahr wieder auseinander.

Mit der Krise der Weimarer Republik und einem zunehmenden Übergewicht der Älterenschaft im Bund wuchs auch das Bedürfnis nach (partei-)politischem Engagement. Dies äußerte sich nach 1929 auch in einer Annäherung an die allmählich an Profil gewinnende NSDAP, die allerdings mehr als Bewegung denn als Partei begriffen wurde.

Schon im August 1929 kam es in Nürnberg zu ersten Kontakten mit der Hitlerjugend (HJ) auf Führerebene; es ging dabei vor allem um die Koordination und Kompetenzverteilung innerhalb eines zukünftigen Völkischen Blocks. Es stellte sich jedoch heraus, daß die HJ mit ihrer Vorstellung einer zentralistisch geführten Massenorganisation weitgehend allein stand und die Bündischen auch nicht gewillt waren, ihre alten Traditionen über Bord zu werfen. Die Verhandlungen wurden abgebrochen.

Auch nach dem Bundestag zu Pfingsten 1930 in Goslar blieb das Verhältnis zum Nationalsozialismus ambivalent; der neue Bundesführer Peter Berns, selbst Mitglied der NSDAP, formulierte noch 1932 in einem Grundsatzpapier:

Ich will betonen, daß wir aus sachlichen Erwägungen heraus (...) jegliche Einheitsjugenderziehung als faschistisch und unserem deutschen Wesen widersprechend grundsätzlich ablehnen.
Gleichzeitig aber streicht er die Notwendigkeit für die Geusen heraus, dort (in der NSDAP, Anm.) unsere fähigsten Menschen zum politischen Einsatz zu bringen. (vgl. Dokumentation S. 827 ff.)

Daß sich Hitler selbst wiederholt verächtlich über die Bündische Jugend äußerte - so sprach er u.a. von den völkischen Bünden als Jammerlappen und Rittern mit dem geistigen Schwert - tat der wachsenden Anziehungskraft seiner NS-Bewegung keinen Abbruch. Auch der Wechsel in der Führungsstelle der HJ - anstelle des gemäßigten Karl Gruber bestimmte nun Hitlers Günstling Baldur v. Schirach die Geschicke der Jugendorganisation - hätte mißtrauisch stimmen müssen. Doch unbeirrt versprachen sich die Geusen von einer Regierungsübernahme der NSDAP auch weiterhin die Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen für eine Erneuerung von innen heraus. Daß diese Annahme ein Irrtum war und weder die Führung der Hitlerjugend noch die der NSDAP ein Interesse am Weiterbestehen gerade völkischer Konkurrenten hatte, erkannten die Geusen erst nach dem 30. Januar 1933.

II. Die Bündische Jugend - Wegbereiterin des Dritten Reiches?

II.1. Entwicklung der Bündischen Jugend 1930-1933
Mit dem erdrutschartigen Sieg der NSDAP bei der Reichstagswahl vom September 1930 war das Vertrauen vieler bündischer Aktiven in die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik auf dem Nullpunkt angekommen. Sie hatten auf die neuen Parteien gesetzt - auf die Konservative Volkspartei des Grafen v. Westarp ebenso wie auf die aus DDP und Jungdeutschem Orden hervorgegangene Staatspartei. Beide zusammen aber hatten es noch nicht einmal auf 1 Prozent aller abgegebenen Stimmen gebracht und fristeten von nun an eine relativ fruchtlose Existenz.

Die Hitlerbewegung indes sonnte sich im Glanz ihres Erfolgs - mit 107 Mandaten stellte sie jetzt nach der SPD die stärkste Fraktion - und setzte alles daran, den Mythos ihrer Unbesiegbarkeit zu pflegen. Die Verbände der Bündischen Jugend sahen sich ab jetzt allesamt verstärktem Druck ausgesetzt.

Naturgemäß wurden von der nationalsozialistischen Welle zuerst die völkischen Bünde erfaßt, hier vor allem der sogenannte Siedlerbund der Artamanen, aber auch die bereits angesprochenen Geusen. Dann wurde die Werbung planmäßig auf die Konservativen und Bürgerlich-Liberalen ausgedehnt, und nicht wenige ihrer Mitglieder erlagen dieser Versuchung. Besondere Berücksichtigung verdient dabei die Tatsache, daß die Generation der damals Untersechzehnjährigen nicht mehr den Ersten Weltkrieg, wohl aber die sozial-ökonomischen Krisen der Weimarer Republik miterlebt hatte. Sie war daher für die Propaganda der NS-Strategen besonders anfällig.

Erschwerend kam noch hinzu, daß auf dem Höhepunkt der allgemeinen Verwirrung 1930 die Monatszeitschrift Die Tat unter ihrem Chefredakteur Hans Zehrer - dem intellektuellen Intimus des späteren Reichskanzlers Kurt v. Schleicher - eine neue Linie des Aktivismus einschlug, ohne dabei klar für den Faschismus Position zu beziehen. Es war nicht zuletzt der Mitarbeit bündischer Jugendführer im Redaktionsstab zu verdanken, daß der Tat-Kreis bald zum Sprecher der jungen Generation avancierte.

Parallel zur nazistischen Unterwanderung intensivierten sich aber auch die verzweifelten Bemühungen der Jugendbünde, dem Terror der Braunhemden endlich wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. So schlossen sich am 6. Oktober 1930 Jungnationaler Bund und Großdeutscher Jugendbund zur Freischar junger Nation (FjN) unter der Führung des Admiral v. Trotha zusammen. Bereits im November 1929 hatte Eberhard Koebel, ein ehemaliger Funktionär der Deutschen Freischar (DF), die Autonome Jungenschaft ins Leben gerufen. Mit letzterer verband sich u.a. die Hoffnung, die Jungen aller Bünde von den politisierten Älteren trennen und sie in einer unabhängigen Deutschen Jungenschaft vereinigen zu können.

Der Ruf nach einer Art Generalmobilmachung ging durch Jugendvereine sämtlicher politischer Couleur. Den Jungsozialisten, von jeher auf Pazifismus eingestellt, wurde der Gebrauch von Waffen in diesen z.T. bürgerkriegsähnlichen Zuständen förmlich aufgezwungen. Nicht viel anders erging es kirchlichen Jugendverbänden. Viele ihrer Versammlungen wurden von SA-Mannschaften gewaltsam gesprengt. Doch noch schien die Katastrophe abwendbar.

Als der Schriftsteller Ernst Jünger 1932 in seinem Buch Der Arbeiter Nationalismus und Sozialismus als dem 19. Jahrhundert eigentümliche und damit nicht mehr zeitgemäße Prinzipien beschrieb, nahm die Zahl der Nazi-Skeptiker auch in nationalgesinnten Kreisen wieder zu. Selbst Alfred Hugenberg, dessen Boulevardpresse Hitler einst hoffähig gemacht hatte, schlug - erst recht nach dem Bündnis von NSDAP und KPD beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik - wieder kritischere Töne an. Der Verlust von zwei Millionen Wählerstimmen bei der Reichstagswahl vom 6. November und der sich anbahnende Streit zwischen Hitler und Gregor Strasser über eine Beteiligung am neuen Kabinett Schleicher (3. Dezember) waren Grund genug zu der Annahme, daß auch die Bündische Jugend ihre Hitlerphase überstanden habe.

Diese Hoffnungen wurden enttäuscht, als Reichspräsident v. Hindenburg den Führer der NSDAP am 30. Januar des neuen Jahres 1933 zum Reichskanzler berief. Der Ausgang der Wahlen vom 5. März bestätigte das Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg schließlich mit 51,9 Prozent im Amt. Die Annahme des Ermächtigungsgesetzes im Reichstag verlieh der neuen Diktatur dann auch den Schein verfassungsrechtlicher Legitimation. Einige Bündische aber hegten immer noch die Illusion, die Nazi-Ideologie von innen heraus beeinflussen bzw. bekämpfen zu können. So trat die konservative Schlesische Jungmannschaft der Deutschen Freischar (DF) am 8. März geschlossen der NSDAP bei. Wirkung zeigte dieser Schritt jedoch nur insofern, als daß die DF bei linken Anhängern zunehmend Sympathien einbüßte.

Der Führer der Hitlerjugend Baldur v. Schirach schürte währenddessen unverhohlen anti-bündische Ressentiments: Diese sogenannten Bünde sind die Reaktion. (...) Ihr Nationalismus und ihr Kampf erschöpft sich im geistvollen Gespräch der Bürgersöhne am Lagerfeuer. Und bleibt Gespräch. Hitlerjugend! (...) Du wirst den kapitalistischen Götzen zertrümmern und die freche Fratze der Reaktion. (zitiert nach Guido Knopp Hitlers Helfer Band II, S. 117 ff.)

Quasi in letzter Minute schlossen sich am 29. März 1933 die Deutsche Freischar, der Deutsche Pfadfinderbund, die Freischar junger Nation, die Geusen und fast sämtliche kleinere Bünde der Jugendbewegung zum Großdeutschen Bund zusammen. Kleinster gemeinsamer Nenner war es, dem Absolutheitsanspruch der HJ entgegenzutreten und den bündischen Lebensstils auch in einem Dritten Reich noch zu bewahren. Zum Bundesführer wurde der bewährte Admiral v. Trotha gewählt, dessen persönliche Freundschaft zum Reichspräsidenten Hindenburg die Hoffnung auf ein Fortbestehen einstweilen am Leben erhielt.

Mit einem Gewaltakt hatte schon wenige Tage später die Welle der Gleichschaltung eingesetzt. Am 5. April hatten bewaffnete Einheiten der HJ auf Weisung Schirachs die Geschäftsstelle des Reichsausschusses der Deutschen Jugendverbände besetzt. Ohne von regierungsamtlicher Seite dazu befugt gewesen zu sein, setzte sich Schirach nunmehr an die Spitze des Ausschusses, den er nach seiner Ernennung zum Jugendführer des Deutschen Reiches am 17. März kurzerhand auflöste.

Zu Pfingsten 1933 hatte der Großdeutsche Bund noch einmal einen Bundestag in der Lüneburger Heide organisiert. Als eine Strohpuppe in HJ-Uniform in Flammen aufging, wurde das Lager von Polizei und SA aufgelöst. Obwohl der Admiral noch nachträglich bei Hindenburg intervenierte und sich der Rückendeckung einflußreicher NSDAP-Granden wie des künftigen Reichswirtschaftsministers Walter Darre versicherte, konnte er die Bündische Jugend nicht mehr vor dem drohenden Verbot retten.

Der 17. Juni 1933, der Samstag vor der Sommersonnenwende, dem höchsten Fest der Jugendbewegung seit den Tagen des Wandervogels, wurde zum Tag der zwangsweisen Überführung aller Bünde in die Hitlerjugend erklärt. Es war die erste offizielle Amtshandlung des neuernannten Reichsjugendführers Baldur v. Schirach. Das Verbot des Großdeutschen Bundes folgte auf der Stelle.

Diese Aktion verlief nicht überall friedlich. An vielen Orten in Deutschland (Berlin, Leipzig, Frankfurt usw.) wurden Heime der Bündischen Jugend von Einheiten der SA, SS und HJ gestürmt und geplündert. Selbst die Wohnung des Bundesführers, des Admiral v. Trotha, blieb davon nicht verschont. Die Fahnen und Wimpel der Bünde wurden demonstrativ an den Siegesfeuern der Hitlerjugend verbrannt.

II.2. Zum Verhältnis von Bündischer Jugend und NS
Die Frage nach dem Verhältnis von Jugendbewegung und Nationalsozialismus ist nach 1945 immer wieder Gegenstand von z.T. sehr hitzig geführten Debatten gewesen. In den sechziger Jahren schälten sich dabei zwei wesentliche Positionen heraus:

Da gab es zum einen die Rechtfertigungsstrategie (Arno Klönne). Sie wurde naturgemäß vor allem von ehemaligen Angehörigen der Bündischen Jugend verfochten und läßt sich auf die These reduzieren, der Nationalsozialismus habe sich nach 1933 die Lebensformen der Bünde gegen deren Willen zu eigen gemacht. Diese Strategie lag nahe für eine Generation, die aus der Erfahrung einer bürokratisch gehandhabten Entnazifizierung heraus den Vorwurf einer ideologischen Verwandtschaft zum Faschismus stets von sich weisen mußte.

Konträr zur erstgenannten Position verlief die zweite, die Beschuldigungsstrategie. Sie gewann erst im Gefolge der 68er-Revolte an Zustimmung und machte die historische Jugendbewegung als eine wesentliche Wegbereiterin des NS-Staates aus (vgl. zum Beispiel Harry Proß Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1933). Am Anfang stand dabei die Erkenntnis vieler junger Menschen, daß das Dritte Reich natürlich nicht nur auf das Phänomen Hitler, sondern auch auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung zurückzuführen war. Rechenschaftsforderungen gegenüber den Älteren kamen auf, die sich angeblich nicht ausreichend mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hätten.

Aus heutiger Sicht reicht jede dieser Strategien für sich genommen nicht als Erklärungsansatz aus. Stattdessen sollte das Augenmerk einer differenzierten und sachlichen Ursachenforschung gelten.

Am Anfang dieser Überlegungen steht die notwendige Feststellung, daß die Bündische Jugend als spezifisch deutsches Phänomen nicht die Ursache sein kann für einen Faschismus, der zur damaligen Zeit in großen Teilen Europas (Italien, Spanien) eine führende Rolle spielte. Aber natürlich beantwortet dies noch nicht die Frage nach dem Verhältnis beider Strömungen.

Wirkungszusammenhänge existierten vor allem in soziologischer Hinsicht: für die Machtergreifung im engeren Sinne spielte die Jugendbewegung keine Rolle - sie stand vielmehr für Denkweisen und Lebensformen, an die der Faschismus vor und nach 1933 anknüpfen konnte und die ihm idealistische, ja geradezu humanistische Züge verliehen. Gerade hierin lag ja auch der Erfolg der NSDAP begründet: das Ziel der Schaffung einer mehrheitsbildenden Volkspartei vor Augen, bediente sie sich auf eine perfide Art und Weise aller möglichen Denkansätze, ohne diese jedoch miteinander in Einklang zu bringen. Betrachtet man z.B. den Schlüsselbegriff Führer und Gefolgschaft im bündischen Kontext, unterscheidet dieser sich z.T. grundlegend von der späteren, nationalsozialistischen Interpretation. So wurde der klassische bündische Führer auf jährlichen Versammlungen (Bundestag) in einer Art Ausleseverfahren bestimmt, wobei die Kriterien Erfahrung und Verantwortungsbewußtsein maßgebend waren. Besondere Insignien in diesem Sinne besaß er nicht. Er nahm auch keinen etwa dem absoluten Monarchen vergleichbaren Rang ein. Der Bundesvorstand, das sogenannte Bundeskapitel spielte in den Entscheidungsprozessen eine nicht unerhebliche Rolle.

In der Frage der ideengeschichtlichen Nähe zum Dritten Reich sticht vor allem die Tatsache ins Auge, daß die nationale Revolution zumindest in der Anfangsphase der Regierung Hitler/Papen bei einem nicht unerheblichen Teil der Bündischen Jugend mit Begeisterung aufgenommen wurde. Ein ehemaliger Führer schrieb dazu 1934: Das Jahr 1933 brachte ja nicht nur die Erfüllung der Träume aller nationalsozialistischen Kameraden (...) Die rauschende Symphonie der deutschen Erhebung hat noch eine andere Ouvertüre (...) In ihr klingen die zünftigen Volkslieder der ersten Wandervögel an den Feuern im Nuthetale auf, wilde Landsknechtsgesänge und vaterländische Sonnenwendlieder. (zitiert nach Arno Klönne Jugend im Dritten Reich. S. 110 ff.)

Glaubt man diesem Bericht, so erscheint der Triumphmarsch der SA durch das Brandenburger Tor als logische Konsequenz des Wirkens der Jugendbewegung, hier vor allem der z.T. völkisch geprägten Wandervögel. Und, so glaubt es zumindest Arno Klönne, hat zu diesem Zeitpunkt ein Großteil der Bünde und ihrer Führer daran geglaubt. Man war bereit, am Bau des neuen Reiches mitzuarbeiten, wie es auch im Gründungsaufruf des später verbotenen Großdeutschen Bundes vom 29. März 1933 hieß.

Mit dieser ideologischen Affinität aber stand die damalige Jugendbewegung nicht allein da. Schließlich war die Mehrheit ihrer Mitglieder bürgerlicher Provenienz, und gerade das Bürgertum stimmte in der Ablehnung der - überdies mit Hypotheken belasteten - Weimarer Demokratie mit der NS-Führung weitgehend überein. Dementsprechend gründeten sich die Wahlerfolge der NSDAP primär auf den von der Republik enttäuschten Kleinbürger, in gleichem Maße auch auf die Zustimmung von Teilen der intellektuellen Eliten . So betrachtet, entsprachen die auf das Dritte Reich gegründeten Hoffnungen der Bündischen Jugend nur dem damaligen, auf ein antiparlamentarisches und antiliberales System fixierten gesellschaftlichen mainstream.

Im einem zweiten Schritt soll nun die Frage einer strukturellen Kontinuität der Jugendbewegung zur späteren Staatsjugend HJ geklärt werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie eigentlich die nationalsozialistischen Machthaber selbst besagtes Verhältnis definierten. In seinem 1934 erschienenen Buch Die Hitlerjugend äußert sich der damalige Reichsjugendführer Baldur v. Schirach wie folgt:

Das, was man früher als deutsche Jugendbewegung bezeichnete, ist tot... Dies vorausgesetzt, erklärt er eine angebliche Teilhaberschaft der Bünde an den Lebensformen der HJ für null und nichtig - zwar gebe es gewisse Gemeinsamkeiten, doch die Grundlage seiner Bewegung sei und bleibe der Nationalsozialismus. Der Typus des bündischen Führers entspreche dem eines geradezu größenwahnsinnigen Romantikers, und der Hang der Jugendbewegung zur Sektiererei habe eine Einigung unmöglich gemacht. (vgl. Klönne S. 105 ff.)

Dieser Bericht enthält in vieler Hinsicht eine Verdrehung der historischen Tatsachen. Natürlich konnte Schirach nicht daran gelegen sein, sich selbst als einfallslosen Imitator bloßzustellen. Doch objektiv betrachtet ist seine HJ ohne die Vorläuferschaft der Bündischen Jugend nicht denkbar. So wurden die innerverbandlichen Gliederungen ebenso übernommen wie die Methoden der Jugendarbeit; neben den (allerdings grundlegend verschieden interpretierten)Prinzipien von Führer und Gefolgschaft waren es vor allem die üblichen Formen des Geländespiels und der Heimabende, die Eingang in die HJ fanden. Hinzu kamen die für Jugendliche so faszinierenden Symbole wie Fahnen, Wimpel und Abzeichen, aber auch Fahrten, Zeltlager und Fanfarenzüge. Selbst die später von der elitären SS zu rein ideologischen Zwecken verwandten germanischen Kulte waren keinesfalls Erfindung der NS-Ideologen, sondern Teil der alten bündischen Tradition.

Die Konflikte mit den neuen Machthabern rührten letzten Endes auch nicht von einem erklärten Antifaschismus her, sondern vielmehr von dem unbedingten Totalitätsanspruch der Hitlerbewegung. Die bündische Vielfalt und Eigenwilligkeit war schlichtweg nicht vereinbar mit dem Sozialisationssystem eines faschistischen Staates. Diese Einsicht und die Politik der NS-Regierung nach dem 30. Januar 1933 führte bei einem Gutteil der Bündischen Jugend geradewegs in den Widerstand. Zuletzt zeigte sich dies 1944, als ehemalige Bündische aktiven Anteil nahmen an den Attentatsplänen der nationalkonservativen Opposition um Carl Goerdeler und den Grafen v. Stauffenberg.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die politischen Anschauungen großer Teile der Weimarer Jugendbewegung zwar verschiedene Parallelen zur nationalsozialistischen Ideologie aufwiesen, nicht aber dem Postulat eines totalitären Staatswesens entsprachen. Belegbar ist der, wenn auch unfreiwillig erbrachte, Anteil der Bünde am raschen Aufbau der Hitlerjugend, vor allem deren musisch-kultureller Aktivitäten. Ebenso unbestritten ist der in Abschnitt II.1. beschriebene und z.T. sehr engagierte Widerstand in den Jahren 1930-33 und danach. Die These, wonach die Bündische Jugend die Ursache der Bewegung hin zum Dritten Reich wäre, ist demnach nicht aufrecht zu erhalten.

Literatur zur Jugendbewegung
Fritz Borinski/Werner Milch Jugendbewegung. Die Geschichte der deutschen Jugend 1896-1933. dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1967

Werner Helwig Die blaue Blume des Wandervogels. Vom Aufstieg, Glanz und Sinn der Jugendbewegung. Südmarkverlag, Heidenheim 1980

Werner Kindt (Hrsg) Die deutsche Jugendbewegung 1920 bis 1933. Die bündische Zeit. Dokumentation der Jugendbewegung III. Eugen Diederichs Verlag, Köln/Düsseldorf 1974

Arno Klönne Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner Eugen Diederichs Verlag, Köln/Düsseldorf 1982

Guido Knopp Hitlers Helfer C. Bertelsmann Verlag, München 1998

Winfried Mogge (Hrsg) Bilder aus dem Wandervogel-Leben. Die bürgerliche Jugendbewegung in Fotos von Julius Groß Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1986

Harry Proß (Hrsg) Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1933 Fischer-Bücherei, Frankfurt am Main 1959

Karlheinz Weißmann Wenn wir schreiten Seit an Seit... Die Geburt der deutschen Jugendbewegung in: Alles was recht(s) ist Stocker Verlag, Graz 2001

(Quelle: http://www.kindt.de/index.html)

 
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.