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Kriegsende für einen Hitlerjungen
Ein Erdloch voller Waffen / Der Krieg musste weitergehen: Wie ein 15-jähriger Hitlerjunge noch am 8. Mai auf den "Endsieg" hoffte
Am 1. Mai 1945 schrieb ich auf einem Bauernhof in Anderten bei Nienburg an der Weser in zackiger Sütterlin-Schrift in mein Tagebuch: "Immer noch Regen, Hagel, Wind . . . Heute meldete der OKW-Bericht den letzten heldischen Widerstand des Führers und seiner getreuen Soldaten in Berlin. Das letzte Bollwerk des Abendlandes ist im Versinken!" Ein Hitler-gläubiger Pimpf des Deutschen Jungvolks schrieb das, kein Kind; seit wir das Braunhemd und die schwarze Uniform trugen, hatten wir die Kindheit abgestreift.
Ich war 15 Jahre alt, jahrelang vonNazilehrern und Hitlerjugend-Oberen in Hannover gedrillt und mittlerweile Pimpfenführer; unterwegs aus einem Kinderlandverschickungs-Lager (KLV) im Harz in das Dorf, aus dem meine Mutter stammte. Ausgebombt in Hannover, war Anderten unsere Zuflucht. Englische Truppen hatten am 10. April das Land zwischen Weser und Aller erobert, nebenan im Wald eine Kompanie deutscher Matrosen zusammengeschossen, das letzte Aufgebot. Wir Jungen stöberten die Leichen auf und sammelten deren Waffen ein.
Der Krieg war also für mich seit drei Wochen vorbei - im Tagebuch ging er weiter. Am 2. Mai schrieb ich: "Der Reichssender Hamburg meldete gestern Abend um 23 Uhr den Heldentod unseres Führers am gestrigen Nachmittag, den er im Befehlsstand seiner Reichskanzlei fand. Sein Wirken für uns und die kultivierte Menschheit besiegelte er mit seinem Tod. Die Führung unseres Volkes übernimmt auf seinen Befehl der Großadmiral Dönitz. Der Kampf des Führers gegen die Sowjets wird fortgesetzt! Das Leben unseres Volkes muss erhalten bleiben!" Später im Leben habe ich nur noch selten so viele Ausrufezeichen gesetzt.

8. Mai: "Nachmittags hackten wir Landstücke neben dem Hause. Es ist sehr heiß!" 9. Mai: "Heute Nacht um 0.01 Uhr trat die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Wehrmachtsteile in Kraft. Damit ist der Krieg in Europa beendet. Aber wir hätten den Sieg errungen, wenn nicht Verräter aus eigenen Reihen den Weg unseres Volkes unterminiert hätten. Das spricht aus unseren Generälen, die immer noch mannhaft ihren ,Besiegern" entgegentreten." Ich hatte mir meine persönliche "Dolchstoßlegende" zurechtgelegt, schrieb mit der anerzogenen Autoritätsgläubigkeit.
Die Gewehre und Maschinenpistolen, die wir Dorfjungen bei den Leichen der deutschen Soldaten gefunden hatten, hüllten wir in Sackleinen und Papiersäcke, gruben zwischen den Obstbäumen hinter dem Hof ein Loch und verbuddelten dort die Waffen. Bis zum Schluss hatten wir noch an den großen Gegenschlag unserer Truppen in der Lüneburger Heide geglaubt, an Wunder- und Vergeltungswaffen. Wenn die Engländer dann fliehen müssten, würden wir ihre Nachhut unter Feuer nehmen - so stellten wir uns das vor.
Im Tagebuch steht kein Wort darüber. Ich wollte das Waffenversteck geheim halten. Dagegen schrieb ich, dass wir einen Bunker aushoben, ihn tarnten und mit Stacheldraht umzogen. Die Tommys hatten unseren Hof nach Waffen durchsucht und meine Jungvolk-Ausweise und Abzeichen gesehen. Sie behandelten uns sachlich, gar freundlich, fragten nach frischem Wasser aus der Pumpe, tauschten Schokolade gegen Eier: eine Tafel gegen zehn Stück. Im bescheidenen Schulenglisch konnte ich mit ihnen sprechen: "The war is no good", zitierte ich einen Engländer aus Cornwall im Tagebuch.
Ein freundlicher Mensch, der mein Feind bleiben musste. Hatten wir nicht begeistert geschmettert: "Es zittern die morschen Knochen / der Welt vor dem großen Krieg / Wir haben den Schrecken gebrochen, / für uns war"s ein großer Sieg. / Wir werden weiter marschieren, / wenn alles in Scherben fällt, / denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt." Das war die Weltanschauung, die uns in "Führerschulungen" eingetrichtert worden war. The war is no good? Der Krieg musste weitergehen.
Noch in der letzten Märzwoche 1945, als die Alliierten schon große Teile Westdeutschlands besetzt hatten und die Russen zum Sturm auf Berlin ansetzten, war ich mit meinen Kameraden Hubert und Werner zum Lehrgang auf der Segelflugschule Salzgitter kommandiert worden. Als 15-jährige Knirpse schnallte man uns auf den Pilotensitz des offenen Schulgleiters SG 38. Über Niedersachsen, über dem Gau Südhannover-Braunschweig, wie es damals hieß, donnerten Tag für Tag die Bomberströme der Amerikaner und Engländer, um die letzten Großstädte und auch die Rüstungsfabriken der "Hermann-Göring-Werke" in Salzgitter zu zerstören. "Aufpassen auf die Lightnings", lauteten die Warnungen unserer Fluglehrer vor den alliierten Jägern. Wenn rote Leuchtkugeln geschossen würden, sollten wir sofort landen.
Vom Kamm der Hügel bei Salzgitter schnellten die Gruppen von Pimpfen mit armdicken Gummiseilen die Schulgleiter in die Luft. Der Wind pfiff in den Spanndrähten, und nach minutenlangem Flug mit den geforderten Kehren landete man schlecht oder recht in der Zielgasse. Das Tagebuch kündet nun vom Erwerb des Segelflieger-A-Scheins: "Am 29. März flog ich meine letzte A-Bedingung. Das Essen war sehr gut. Am 31. 3. fuhren wir von Salzgitter ab und landeten nach einer einigermaßen glatt verlaufenen Fahrt in Hannover. Als ich in unseren Stadtteil kam, wusste ich schon, dass auch bei unserem Haus kein Stein mehr auf dem anderen war. Nachdem ich vergeblich nach meinen Eltern geforscht hatte, schlief ich todmüde auf einer Bank im Bunker. Ich sah in diesen kurzen Stunden in Hannover das Leid und die Not des Volkes. Dazu noch die Verzweiflung über den Ausgang des Krieges. Aber trotzig wollen wir sein, uns dem Schicksal, das sich scheinbar gegen uns gewendet hat, entgegenstemmen wie die Freiheitskämpfer der besetzten Gebiete: Werwölfe!"
Da stand sie und steht sie noch heute, die Parole: Bis zum letzten Blutstropfen sollten wir kämpfen. Dafür waren wir im Schießen ausgebildet, auch wenn der Feind uns überrollt hatte. Dass das Kriegsende eine Befreiung war, sollten wir erst viel später begreifen. Die Waffen übrigens müssten noch in jenem Erdloch nördlich von Hannover liegen; ich wüsste sie aber nicht wieder zu finden.
(aus: SZ, 7. Mai 2005)