Home »
jugendbewegung »
Lohr: Nenozazis verändern eine Stadt
Kein schöner Land
Wie sich eine kleine Stadt verändert, wenn Neonazis kommen - und bleiben: eine Spurensuche zwischen den Fronten in Lohr am Main
Wenn Lisa von ihrem Tod erzählt, lacht sie leise. Fünf Tage waren nach dem Überfall am Jugendzentrum vergangen, sie konnte schon wieder richtig sehen, ihre Kopfschmerzen waren verschwunden, das Blut in ihren roten Haaren getrocknet, die Wunde mit vier Stichen genäht. Da klingelte ihr Handy. "Gott sei Dank, du lebst ja noch." Ein Freund war dran. Sie hörte ihn aufatmen. "Ich habe gedacht, du bist gestern gestorben", sagte er. Jetzt erfuhr Lisa, was man in der Stadt über sie erzählte: dass sie in ein Koma gefallen sei, nach dem Überfall auf das Jugendzentrum, und dass sie nun gestorben sei, an einem Blutgerinnsel im Gehirn - ausgelöst vom Faustschlag eines Skinheads, der sie bei jenem Überfall am 5. März traf.
Lisa trägt noch immer ihre verfilzten, rot gefärbten Dreadlocks und das Piercing in Spiralenform, gestochen durch die Unterlippe. Doch sie fährt nicht mehr oft in die Innenstadt von Lohr, besonders abends nicht. Denn die Gerüchte von ihrem Tod erzählen viel über die Stimmung in der kleinen fränkischen Stadt zwischen Aschaffenburg und Würzburg. Gerüchte sind gefräßige Wesen, die sich aus Hass und Wut speisen, und erst groß werden, wenn sie genug Nahrung finden. Es gibt eine Menge Hass und Wut in Lohr. Es ist einfach zu viel geschehen in letzter Zeit, es ist einfach zu viel passiert, seitdem die Skinheads auftauchten.
Sie treffen sich im Schlosscafé, jedes Wochenende. Am Freitag gegen acht Uhr abends fahren die ersten heran, in schwarzen Autos mit der "88" auf dem Nummernschild, das steht für den achten Buchstaben im Alphabet: HH, Heil Hitler. Sie kommen in kleinen Gruppen, nie alleine. Wenn sie in das Café laufen, knallen die Springerstiefel auf den Fliesen. Ihr Stammplatz sind fünf schwere Holztische, die eine Treppenstufe höher liegen als das übrige Café und von einer kleinen Mauer abgetrennt sind. Sie sitzen wie auf einem Podest, auf dem sie jeder sehen kann - dort, wo nachmittags alte Damen ihr Kännchen Kaffee mit Kuchen bestellen.

Krieg der Welten: Seitdem im malerischen Lohr Nazis aufgetaucht sind, kämpfen die Jugendlichen dort um die Frage, wessen Revier die Stadt nun ist. Die zwei Brennpunkte sind das Jugendzentrum, Treffpunkt der Punks und Hiphopper (oben links), und das "Schlosscafe", der Treffpunkt der Nazis (unten Mitte).
Auf den Tischen Panzersprit
Lohr am Main, 16 700 Einwohner, ist eigentlich eine Idylle. Arbeitslose gibt es hier wenige, die Quote beträgt sechs Prozent. Im Sommer drängen sich Touristen durch die Fußgängerzone, kehren ein ins Café Rosenkranz und kaufen Postkarten, auf denen "Lohr am Main - das Tor zum Spessart" steht. Wohlhabend ist die kleine Stadt, sauber und ziemlich langweilig, besonders wenn man jung ist und all die Fachwerkhäuser sofort gegen eine einzige anständige Disco eintauschen würde. Aber das allein erklärt gar nichts, denn so sind viele Orte in Deutschland.
Je später der Abend wird, desto mehr Rechtsradikale marschieren ins Schlosscafé. Schwarze Jacken tragen sie, mit der Aufschrift ¸¸White Rebells Franken". Auf ihren Tischen steht Panzersprit - ein Viertel Most, drei Viertel Cola. Die Wirtin bringt es ihnen, sie lächelt dabei, jeder bekommt es. "Wieso sollten wir sie rauswerfen?", sagt eine Bedienung, und ihre Stimme klingt unschuldig. ¸¸Es ist doch noch nie was passiert hier drin." In allen anderen Bars der Stadt haben die Skinheads Hausverbot.
Seit Ende 2003 "ist die Szene auffällig", sagt die Polizei. Erst trafen sich einige Hauptschüler, die wenig Freunde hatten und oft Ärger mit den Eltern. Sie fanden Gefallen an der Skinhead-Musik und deren einfachen Erklärungen für alles, was schief läuft in Deutschland. Sie luden die Lieder aus dem Internet, brannten sie auf CD, tauschten sie, so kamen sie zusammen und wurden immer mehr. Musik der Zillertaler Türkenjäger zum Beispiel, mit Texten wie "Ein Trupp von Skinheads steht zum Kampf bereit / Sie hauen die ganzen Alis kurz und klein, so ist es richtig, so muss es immer sein." Die Musik hat ihnen ihr Feindbild geliefert und damit auch die eigene Identität. Manche fahren 50 Kilometer bis ins Schlosscafé, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie dazugehören. Heute Abend sind sie zu zwanzigst. Da sitzen zum Beispiel: Selina und Stefan. Es gibt in Lohr viele Erzählungen über sie, sie gehen so: Als Selina ein Kind war, haben ihre Eltern sie allein zuhause gelassen, monatelang, während sie selbst in Urlaub gefahren sind. Vor kurzem ist Selina abgehauen von zuhause, mit 16, jetzt wohnt sie bei ihrem Freund. Auf ihren Arm hat sich die Halbitalienerin ein Hakenkreuz tätowieren lassen. Stefan ist 18, vor Jahren starb sein Vater. Er macht eine Ausbildung zum Altenpfleger. Einmal ist er im Schlosscafé betrunken vor den Tisch des Pfarrers getorkelt und hat gesungen: "Wir scheißen auf euren Judengott." Seitdem die Polizei seinen Computer beschlagnahmt hat, hat er Angst, dass er seine Ausbildung nicht zu Ende machen kann, weil er vorher ins Gefängnis muss. Auf seinem Computer waren Fotos gespeichert, von seinen Freunden, wie sie im Schlosscafé den Arm zum Hitlergruß streckten.
Man kennt noch viel mehr Namen und Geschichten in der kleinen Stadt. Fast jeder Jugendliche kann etwas über "die Rechten" oder "die Nazis" erzählen. Die interessantesten Geschichten erzählen die Hiphopper von Lohr. Wer sie hören möchte, findet die Hiphopper im Jugendzentrum, eine einstöckige, blaue Baracke am Stadtrand. Dreckige Pfützen schlummern vor dem Eingang, zwischen dem Kies glitzern Scherben von zerborstenen Bierflaschen.
Mehmet zeigt zum Billardtisch, da stehen sie: Türken, Italiener, Deutsche, die ihre Sätze mit "Hey, Alter" beginnen, die breitbeinig laufen und im Nebenraum ihre Breakdance-Moves proben, immer wieder, bis sie sich auf dem Kopf drehen wie ein Kreisel. Seitdem die Nazis da sind, haben sich die Hiphopper verändert, sagt Mehmet, einer von ihnen. Früher waren sie friedlich. "Heute benehmen sie sich wie die Hunde, die sagen: Lohr ist unser Revier, das müssen wir verteidigen". Mehmet hat nichts gegen seine Freunde, das dürfe man nicht falsch verstehen, sagt er. Er hat auch nichts gegen ihren Stolz, gegen ihr Gehabe, wie manche sagen. Aber er hat etwas gegen die Art, mit der sie seit neuestem Probleme lösen. Freitags um zehn, wenn der Sozialpädagoge die Türen abschließt, verlassen die Jungs das Jugendzentrum und gehen in die Innenstadt. Um sie zu verteidigen. Erst streifen sie ziellos durch die Lohrer Straßen, die nachts leer und leise sind wie ein geschlossenes Freilichtmuseum. Irgendwann sagt einer: "Kommt, wir gehen zum Schloss und schauen, ob da was geht." Zehn oder mehr sind sie, weniger nie, wenn sie sich vor den breiten Fenstern des Schlosscafés aufbauen. Sie rufen: "Scheiß-Nazis, verpisst euch aus Lohr! Wir machen euch fertig! Kommt raus, ihr Motherfucker." Sie lachen. Bis die Nazis rauskommen.
Der Revierkampf der Hiphopper
Ricardo, einer der Hiphopper, hat ein Lied über die Nazis zusammengebastelt, zuhause, am Computer. Er hat wummernde Bässe genommen, einen Beat dazu gemischt, doch das Wichtigste war der Text: "Verlasst unsere Stadt und lasst euch nicht mehr blicken, Lohr ist unser Bezirk, sonst müssen wir euch ficken." Erst waren es eine Hand voll CDs, nur für die Freunde. Jetzt hat fast jeder Hiphopper in Lohr ein Exemplar. Sein Lied ist wie der Soundtrack geworden für einen Film, der sich in der Stadt abspielte, nachts, während die Erwachsenen von Lohr vor dem Fernseher saßen.
Erst rannten die Hiphopper noch weg, als die Nazis aus dem Schlosscafé kamen. Später lauerten sie ihnen auf, vor dem Alten Rathaus, nur 50 Meter weiter. Es ging ganz einfach: Ein paar Worte genügten, um die betrunkenen Skinheads zu provozieren. "Judenschweine", brüllten die Kahlgeschorenen dann zurück, oder "Kanaken". Schon tobte in der Dunkelheit ein Kampf um die Frage, wessen Revier die Stadt nun ist. Selbst als vor ein paar Wochen der Ellenbogen eines Hiphoppers brach - oder sein Schlüsselbein, je nach Gerücht - erstatteten sie keine Anzeige. Sie sagten: "Das regeln wir auf unsere Art."
Die Spannung in Lohr stieg langsam an. Am 2. August vergangenen Jahres entlud sie sich zum ersten Mal, bei der jährlichen Festwoche am Main. Die Lokalzeitung schrieb am Tag danach von einer "Massenschlägerei", bei der mehr als 20 Polizisten anrücken mussten, um Hiphopper und Skinheads zu trennen. Als die Polizisten kamen, waren die ersten schon selbst ins Krankenhaus gelaufen, einige mit Messerstichen. Jetzt reagierte die Polizei, sie führte "Präventionsgespräche" mit einigen straffällig gewordenen Skinheads und ihren Eltern. Zwölf der 76 polizeilich bekannten Szenemitglieder kamen darauf nicht mehr ins Schlosscafé. Die anderen rückten noch enger zusammen.
Wer das Podest der Skinheads im Schlosscafé betritt, den bemerken sie sofort, es geht nicht anders. Die Gespräche sterben ab, ihre Köpfe drehen sich. Wer man ist, wollen sie wissen, was man will. Der Ton ist barsch. Einige verlassen den Tisch, wenn sie hören, dass man von der Zeitung kommt. Ein anderer, den sie Alex nennen, setzt sich aufrecht hin und beginnt zu reden. Es ist kurz vor Mitternacht, die Biergläser sind fast leer. Alex will nicht befragt werden, er will diskutieren. Warum die Presse nicht schreibt, wie es wirklich war, mit dem Bombenterror der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, das will er hören. Seine Stimme ist hoch und laut. "Wo waren denn die Munitionsfabriken in Dresden?", schreit er.
Auf seinem T-Shirt prangt "Weisse Macht", in Großbuchstaben. Er trägt kurze Haare, aber keine Glatze. "Ich bin kein Nazi, ich bin Rassist", sagt er und lacht, als habe er gerade einen Witz erfunden. Dann zieht Alex seinen Fahrzeugschein hervor und zeigt ihn gerade so lange, dass "Mercedes CLK" zu lesen ist. Er fühlt sich überlegen in diesem Moment, er glaubt, jetzt habe er bewiesen, dass hier keine arbeitslose Schläger am Tisch sitzen, sondern auch "leitende Angestellte" wie er. Dann erklärt er das Gespräch für beendet. Zum Abschluss sagt er: "Ich wünsche dir, dass du jetzt einmal durch die Fußgängerzone läufst und verprügelt wirst. Dann weißt du, was wir meinen." Der Kampf gegen die Hiphopper hat die Skinheads zusammengeschweißt, genauso wie andersherum. Das Kribbeln gefällt ihnen, wenn sie nachts durch die Stadt laufen, mit Panzersprit und Adrenalin im Blut, immer angespannt.
In den Augen Pfefferspray
Hier kommt Lisa ins Spiel, das Punk-Mädchen, das eine Zeit lang als tot galt, in den Gerüchten einer aufgebrachten Stadt. Im Januar ist sie den Skinheads zum ersten Mal begegnet, während sie mit vier Freunden auf dem Heimweg war, sie hatten getrunken. Als sie die Rechten sahen, stimmten sie ein sozialistisches Lied an, sie sangen laut und streckten die Fäuste dazu. Da blieben die Skinheads stehen. Einer zückte ein Handy, innerhalb von Sekunden kam eine ganze Meute angerannt, aus allen Gassen, "als hätte man mit einer Hundepfeife gepfiffen", sagt Lisa. Umzingelt von 20 Rechten versuchten sie und ihre Freunde zu diskutieren, am Ende hatte Lisa einen Faustschlag ins Gesicht bekommen und ihr Freund einen Schlagstock auf den Kopf. Sie gingen zur Polizei und erstatteten Anzeige.
So sah es aus in Lohr, als die Spannung wirklich hoch schlug - als die Nazis vor dem Jugendzentrum auftauchten, am 5. März war es, um 23 Uhr, in der Baracke fand gerade ein Punkkonzert statt. Als der Sozialpädagoge die Skinheads sah, rief er die Polizei. Lisa trat damals aus der Tür, um mit den Nazis zu reden, sie zum Gehen zu bewegen. Ein Mädchen erkannte sie wieder, presste sie gegen den Maschendrahtzaun am Eingang und rief: "Ich bringe dich um, wenn du deine Anzeige nicht zurücknimmst!" Dann ging es los. Die Besucher des Punkkonzertes begannen mit Flaschen zu werfen, die Kahlgeschorenen warfen sie zurück und griffen sich Holzlatten, die herumlagen. Lisa brannte es plötzlich in den Augen, dann wurde es Nacht für sie, wahrscheinlich war es Pfefferspray. Ein Schlag landete auf ihrem Hinterkopf, und alles, was sie noch bemerkte, war das Blut, das ihr durch die Haare sickerte. Sie bekam nichts davon mit, wie zwei weitere Mädchen von geworfenen Flaschen getroffen wurden, eine am Arm, eine am Kopf. Lisa war im schon Krankenhaus, als die Polizei mit vier Streifenwagen und zwei Bussen anrückte, mit Verstärkung aus der ganzen Region, und sich zwischen 25 Skinheads und 120 Punks aufbaute.
Am nächsten Tag, als die Zeitungen begannen, von Lohr als "Nazi-Hochburg" zu schreiben, hatte Lisa Kopfschmerzen. "Skinhead-Truppe terrorisiert Lohr", lautete eine Überschrift. Kurz darauf kam das Fernsehen. Jetzt auf einmal, nach zwei Jahren, veränderte sich etwas in Lohr. Die Polizei rief zu Pressekonferenzen und gab bekannt, dass in den vergangenen Jahren mehr als 170 Strafanzeigen gegen die Skinheads aus dem Schlosscafé eingegangen waren. Der Stadtrat beschloss, einen Stadtjugendpfleger einzustellen. Einen, der alles wieder ins Lot bringen soll zwischen den Jugendlichen von Lohr. Einen einzelnen, auf den eine Menge Arbeit wartet.
(aus: SZ, 17. Mai 2005)