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  Unterwegs im Wunderland - Lieder der Jugendbewegung  
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Unterwegs ins Wunderland
Was die Lieder der Jugendbewegung über die deutsche Geschichte sagen
von Julius H. Schoep

Die Zeiten sind offensichtlich vorbei, in denen man die Geschichte der deutschen Jugendbewegung von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende noch in einer Gesamtdarstellung schreiben konnte. Denkt man an die Bücher von Walter Laqueur, Harry Pross und anderen, die in der Regel den historiographischen Zugriff wählten und großflächige Gesamtansichten zeichneten, so hat sich das insofern geändert, als diejenigen, die sich heute an das Thema Jugendbewegung wagen, wissen, daß man mit den üblichen Instrumentarien des Historikers nicht sehr weit kommt.

Stefan Krolle, ein exzellenter Kenner der Materie und der damit verbundenen Probleme, hat eine Studie vorgelegt, die am Beispiel der Burg Waldeck dem innerste Geheimnis der Jugendbewegung, dem "Erlebnis", wie es Hans-Joachim Schoeps genannt hat, anhand der systematischen Erschließung ihres Liedgutes auf die Spur kommen möchte. Es ist ein neuer Zugang, der weitere Erkenntnisse über das Lebensgefühl und Lebensformen des historischen Phänomens Jugendbewegung verspricht.

In seiner Studie ist Krolle so vorgegangen, daß er die Lieder des Wandervogels und der Bündischen Jugend (insgesamt ein Korpus von 8324 Liedern!) einer kritischen Durchmusterung unterzog und an den verschiedenen Liedtermini (Soldatentum, Musik, Waffen, Natur, Botanik, Zoologie) gemessen hat. Das Ergebnis "läßt die Geschichte des Wandervogels und der Bündischen Jugend in vielfach anderem, schärferem Licht erscheinen".

Wer einmal auf Fahrt beziehungsweise am Lagerfeuer mit Gleichaltrigen zusammen gesessen hat, erinnert sich, daß die gemeinsam gesungenen Lieder ein spezifisches Lebensgefühl spürbar machten, das Außenstehende nur sehr schwer nachvollziehen können. Vermutlich ist an der Behauptung viel Wahres, daß nur der wirklich über die Jugendbewegung berichten kann, der "dabei" gewesen ist, was heißt, daß nur der mitreden kann, der in jungen Jahren mit am Feuer gesessen hat und mit dem Affen auf dem Rücken über die staubigen Straßen Europas "getippelt" ist.

Im Gedächtnis Jugendbewegter haben sich Eindrücke dieser Art unvergeßlich zu einem Bild verdichtet, das immer dann lebendig wird, wenn die Klampfen ausgepackt und zu deren Klängen die alten Lieder angestimmt werden wie: "Kameraden, wann sehen wir uns wieder?/ Kameraden, wann kehren wir zurück? Wann setzen zum Trunk wir uns nieder/und genießen ein traumhaftes Glück." Es gibt wohl kaum einen Bündischen, der sich nicht noch nach Jahrzehnten des eingängigen Refrains erinnert, der nach jeder Strophe des "Kameraden"-Liedes gesungen jenes beglückende Wir-Gefühl hervorruft, zu wissen, einer verschworenen Gemeinschaft anzugehören: "In der Kneipe am Moor singt und spielt einer vor, klirren Gläser und Klampfen,/die Gesellen sie stampfen zu dem Sang, und der Klang läßt die Männer lauschen."

Viele der in der Bündischen Jugend gesungenen Lieder waren von Fahrten mitgebracht worden, die nach Lappland, Norrland, Albanien, Nordafrika, die Sowjetunion, nach Südamerika oder nach China geführt hatten. Stefan Krolle zeigt manche der Entstehungsgeschichten auf, die für sich allein gesehen schon interessant genug sind, beschreibt deren Kontexte und fragt, wie und auf welche Weise sie in den "Liedpool" der Jugendbewegung hinein gerieten.

Der Leser von Stefan Krolles Studie erfährt unter anderem, wie es zu der Russenbegeisterung bündischer Gruppen Ende der Zwanziger Jahre kam ("Platoff preisen wir, den Helden, unsern Feind hat er besiegt ..." oder "Durchs Gebirge, durch die Steppe zog unsere kühne Division..."). Diese Begeisterung hatte allerdings weniger mit der Faszination zu tun, die vom Experiment Sowjetunion ausging als von jenen Träumen, die sich am Exotischen festmachten und sich in Liedern niederschlugen, die die russischen Seele und die Weite der Steppe besangen.

Zur Identifizierung mit Rußland, den Wolga-Schiffern, Don-Kosaken und Partisanen (gleichgültig, welchem Lager sie im Bürgerkrieg angehörten), trugen allerdings nicht nur die von den Fahrten mitgebrachten Lieder bei, sondern auch die wilden Gesänge Serge Jaroffs und seines damals in Deutschland weithin bekannter Kosakenchors. Auf die Gruppen der Bündischen Jugend und deren Vorlieben haben diese einen nicht zu unterschätzenden Einfluß ausgeübt.

Die Studie von Stefan Krolle, die den Bogen der Jugendbewegung vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum "Chanson Folklore International-Festival" auf der Burg Waldeck schlägt, zeigt auf, daß der "Liedhorizont" der Bündischen Jugend weitgespannt war und mit den Einflüssen des jeweiligen Zeitgeistes zu tun hatte. Die Lieder des Nerother Wandervogels unterschieden sich dabei von denjenigen des Alt-Wandervogels und der "Liedpool" der dj 1.11 setzte wiederum andere Akzente als derjenige von Karl und Robert Oelbermanns Nerother Wandervögeln.

So erkenntnisreich das alles ist, was Krolle dem Leser vorstellt, so notwendig ist es allerdings auch, weiter gehende Fragen zu stellen. Das Kapitel, das sich mit den Jahren 1933 bis 1945 befaßt, ist zwar interessant, läßt aber vieles offen. Nach Ansicht des Rezensenten hat Krolle in seiner Studie ein allzu positives Bild gezeichnet, wenn es um die Haltung der Bündischen in den Anfangsjahren des NS-Regimes geht. Hier hätte man sich von ihm eine etwas kritischere Bewertung der damaligen Vorgänge gewünscht.

Zwar wird eingeräumt, daß sich die Bündische Jugend "zwischen Konformität und Resistenz" bewegt hat, einer Feststellung, der man im vollen Umfang zustimmen kann. Die Darstellung erweckt jedoch den Eindruck, als habe die Bündischen in ihrer überwiegenden Mehrheit im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gestanden und sich dementsprechend verhalten. Das mag für den Nerother Wandervogel der Fall gewesen sein, aber gilt es für die Gruppen der Bündischen Jugend insgesamt?

Zweifellos hat es durchaus heroische und bewundernswerte Widerstandsaktivitäten Bündischer gegeben, für die Krolle eine Reihe beeindruckender Belege anzuführen weiß, aber es verfälscht das Bild, wenn man diese als typisch für die Einstellung der Bündischen Jugend in den Anfängen des NS-Regimes hinstellt. Nach den Kenntnissen, die wir mittlerweile haben, dürfte es außer Frage stehen, daß auch weite Teile der Bündischen den Verlockungen des Nationalsozialismus aufsaßen. Nach 1933 sind eine nicht zu unterschätzende Zahl von Bündischen in das Lager Hitlers und der Nazis übergewechselt.

Dieser für manchen schmerzlichen Sachverhalt, der in Kreisen Jugendbewegter in den letzten Jahren kontrovers diskutiert worden ist, bedarf weiterer klärender Untersuchungen. War es, fragt sich der Rezensent, vielleicht nicht doch so, daß die Hitlerjugend Bündisches - angefangen von dem Ritual des am Feuer Sitzens bis hin zum Liedgut - geschickt adaptiert hat, so daß sie für junge Menschen auch im bündischen Lager attraktiv wurde und sie kein Problem darin sahen, sich der Hitlerjugend Baldur von Schirachs anzuschließen?

Das überzeugendste Kapitel der vorliegenden Studie ist zweifellos dasjenige, das sich mit der Etappe von 1945 bis 1964 befaßt. Hier zeigt der Verfasser, wie sich der Liedhorizont der Jugendbewegung in der Nachkriegszeit insbesondere in den sechziger Jahren veränderte und die Liedtradierung abbrach. Das Soldatisch-Militärische, das Martialische, das manche der in den zwanziger Jahren gesungenen Lieder auszeichnete, wurde zunehmend ersetzt durch andere Liedinhalte, die sich an internationalen Chansons und Volksliedern orientierten.

In diesem Zusammenhang gehört auch das Aufkommen des Protestliedes, das sich gegen Krieg, Feudalismus, Kapitalismus, Faschismus und Rassismus wandte und wie so manches andere Eingang in den Liedpool der Bündischen der Nachkriegszeit fand. Wer sich noch an den Auftrieb bei den Festivals auf den Wiesen der Burg Waldeck in den sechziger Jahren erinnert, weiß, wovon die Rede ist. Dort fanden die ersten Auftritte von Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Hannes Wader statt. Die Lieder, die sie damals sangen, machten nicht nur sie, sondern auch ein spezifisches Lebensgefühl über die Welt der Burg Waldeck hinaus bekannt.

Legt man das Buch Krolles aus der Hand, kommt man nicht umhin festzustellen, daß die Zeiten der "Bündischen Jugend" ein für allemal vorbei sind. Die Jugendbewegung war ein Phänomen des zu Ende gegangenen 20. Jahrhunderts, ein sehr deutsches Phänomen, das der Schriftsteller Werner Hellwig zu Recht als ein "rauschendes Fest", bezeichnet hat, "welches nie mehr wiederkommt".

Krolle, der diese Worte Hellwigs zitiert, geht nicht so weit und ist nüchterner in seinen Schlußfolgerungen. Aber auch er spricht im Rückblick auf die historische Jugendbewegung von einem "singulären Ringen, um einen eigenen jungenorientierten kulturellen Stil innerhalb der deutschen Gesellschaft" und warnt davor, einer Zeit hinterher zu träumen, die nicht mehr existiert und sich nicht mehr wiederbeleben läßt.

So pessimistisch solche Bemerkungen möglicherweise anmuten, der Traum ist nicht ausgeträumt. Auch in Zukunft wird es Jungen und Mädchen geben, die sich von der Idee eines autonomen "Jungenreiches" begeistern lassen und eine eigene Sprache und eigene Gesellungsformen entwickeln werden. Die Lieder, die sie singen, werden zwar andere sein als die der alten Jugendbewegung. Aber auch sie werden von der Sehnsucht nach einem freien und selbstbestimmten Leben künden. Die Jugendbewegten von ehedem, die in Erinnerung an alte Zeiten in die Saiten der Klampfe greifen und gemeinsam das Lied "Falado o falado" anstimmen, wissen das:

Wer seilt mit nach falado
jeder sucht es keiner fand
falado das Wunderland

Stefan Krolle: Musisch-kulturelle Etappen der deutschen Jugendbewegung von 1919 - 1964. LIT, Münster. 457 S., 39,90 EUR.

(aus: www.welt.de)

 
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Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 129 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2017 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.