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Jungs mit Prinzipien / Kritik an den US-Boy-Scouts - sie lehnen Homosexuelle ab

Philadelphia, im Dezember - Vor dem prächtigen, stuckverzierten Domizil der Boy Scouts von Philadelphia steht die patinaüberzogene Bronzeplastik eines Jünglings. Kurze Hosen, Wadenstrümpfe, das obligatorische Halstuch, den Blick fest nach vorn gerichtet, der aufziehenden Zeit zugewandt. Das Idealbild eines Boy Scouts, zumindest damals in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als diese Pfadfinder das Gebäude bezogen. "Cradle of Liberty" nennt sich der Ortsverband, Wiege der Freiheit, weil die Boy Scouts in Philadelphia für sich in Anspruch nehmen, an der Geburt der Pfadfinderbewegung in Amerika beteiligt gewesen zu sein. Auf einer Tafel am Sockel steht: "Die Vergangenheit ist unser Erbe. Die Gegenwart unsere Chance. Die Zukunft unsere Hoffnung." Doch gerade sieht es so aus, als könnte den Pfadfindern von Philadelphia ihre Vergangenheit zur Last werden, die Gegenwart zur verpassten Gelegenheit und die Zukunft gar düster aussehen.



Sitz einer diskriminierenden Organisation? Das Hauptquartier der Boy Scouts of America in Philadelphia.

Denn die Stadt Philadelphia will die Boy Scouts aus ihrem Quartier an der Winter Street werfen, das sie seit fast acht Jahrzehnten für einen Dollar im Jahr gemietet haben. Der Grund: Boy Scouts dürfen nicht schwul sein, zumindest nicht offen Homosexualität zeigen. Von ihren Anführern verlangen die Boy Scouts das ausdrückliche Bekenntnis, nicht schwul zu sein. Schon lange gibt es darüber Streit in Amerika, ob eine so einflussreiche Organisation einfach diskriminieren darf. Denn die Boy Scouts sind die größte Jugendorganisation in den USA. Drei Millionen Kids sind regelmäßig dabei. Die Boy Scouts sind eine amerikanische Institution, tief im Bewusstsein der Nation verwurzelt. Ganz selbstverständlich ist der Präsident der Republik auch gleichzeitig Oberpfadfinder, Ehrenpräsident qua Amt.

Vor sieben Jahren entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass niemand die Boy Scouts zwingen könne, Schwule aufzunehmen. Die Stadt Philadelphia aber sagt, dass niemand sie zwingen kann, eine Organisation mit Steuergeld zu fördern, die Minderheiten diskriminiert. Denn eigentlich sei das Gebäude in bester Innenstadtlage 200 000 Dollar Miete wert, der symbolische Abschlag von einem Dollar also eine versteckte Subvention. Die Scouts könnten gerne bleiben, nur dann müssten sie eben die ortsübliche Miete zahlen. Was sie natürlich nicht können.

Es würde bedeuten, so sagt Jeff Jubelirer, der Sprecher der Boy Scouts in Philadelphia, dass sie 800 Plätze für mittellose Kid in ihren Sommerlagern streichen müssten. Das aber kann auch die Stadt eigentlich nicht wollen. Denn dringend bräuchte sie die Hilfe der Organisation, um Jugendliche von der Straße zu holen. Philadelphia leidet seit Jahren unter grassierender Gewalt, unter den großen Städten Amerikas hat es die höchste Mordrate. "Die Gewaltepidemie kostet fast jeden Tag ein Kind in dieser Stadt das Leben", sagt Jubelirer, "da ist es doch von feiner Ironie, dass die Stadt das Angebot einer Organisation zerstören will, die mehr als 69 000 Kindern dient." Und eben nicht nur mit Campingausflügen am Wochenende, sondern auch mit tagtäglicher Betreuung nach der Schule.

Die Boy Scouts haben die öffentliche Meinung auf ihrer Seite. "In einer Zeit, da die Stadt im Blut versinkt, und wir so viele Zufluchtsstätten wie möglich für unsere Kinder bräuchten", donnerte die Daily News, "entscheidet sich Philadelphia dafür, eine Organisation zu verfolgen, die politisch unbequem ist."

Doch es geht ums Prinzip. Und da fallen Kompromisse eben schwer. Die Boy Scouts in Philadelphia hatten das versucht und ein Bekenntnis wider "Vorurteile, Intoleranz und ungesetzliche Diskriminierung" abgelegt. Das schien den Stadtoffiziellen gut genug zu sein, nach dem Vorbild der US-Armee, wo Homosexuelle geduldet werden, solange sie sich nicht offen zu ihrer Neigung bekennen. Doch wurde der Ortsverband der Boy Scouts von der Dachorganisation zurückgepfiffen und gar mit Ausschluss bedroht. Schwulenverbänden wiederum ging das Bekenntnis nicht weit genug. Philadelphia könne das nicht hinnehmen. "Es sendet die Botschaft", sagt Stacey Sobel, Sprecherin der Equality Advocates Pennsylvania, "dass die Stadt Diskriminierung duldet."

Nun setzen die Boy Scouts in Philadelphia getreu ihrem Motto ihre Hoffnung auf die Zukunft: Anfang Januar tritt ein neuer Bürgermeister sein Amt an.

(aus SZ, 28. 12. 2007)

 
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