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Home » jugendbewegung » Wandervogel - Bund für Jugendfahrten: ein Interview
„Wir leben ganz offen das Original der Idee“ / Ein Gespräch mit Hendrik Böttger, Bundesführer des Wandervogel - Bund für Jugendfahrten, über Nerothertraditionen im Zeitalter von Internet und Markenschutzgesetzen Silvester vor zehn Jahren begaben sich 50 Jungen und junge Männer auf eine viertägige Wanderung von Burg Waldeck im Hunsrück zur Nerother Höhle, um dort einen neuen Wandervogelbund aus der Taufe zu heben. Ihnen voran zog der Orden der Goten, der kurz zuvor den Nerother Wandervogel aus Opposition zu dessen Bundesführer FM Schulz verlassen hatte. Dieses Jahr (2008, Anmerkung schriftleitung) feiert man Jubiläum. eisbrecher: Der Austritt der Goten aus dem Nerother Wandervogel hat damals für einigen Wirbel in der Szene gesorgt. Die Austrittserklärung wurde sogar hier im eisbrecher abgedruckt. Erläutere doch bitte noch einmal kurz die Ereignisse der damaligen Zeit. Hendrik: Auf dem Bundestag Pfingsten 1995 bei Bremke hat der Orden der Goten sich von FM Schulz abgewandt und den Bund zur Errichtung einer Rheinischen Jugendburg – Nerother Wandervogel e.V. (BEJ/NWV) verlassen. Die Goten sahen die Idee von Robert Oelbermann sowie die Autonomie der Orden unter der Führung von FM Schulz eingeengt. Damals sind mitunter auch Worte wie Gleichschaltung und Fragen zur Weltanschauung gefallen. Das war in den Augen des damaligen Ordensführers Holger Hannes widersprüchlich zur ursprünglichen Nerother-Idee eines vielfältigen Bundes, der unter anderem auf Freundschaft, Weltoffenheit und Freiheit basiert. Die Spannungen zwischen den Goten und FM Schulz wurden so groß, dass ein Bruch unausweichlich war: Der Bund verlor einen seiner größten und charismatischsten Orden. Die Goten gewannen dadurch in der bündischen Szene an Anziehungskraft und wuchsen weiter. In ihren öffentlichen Auftritten waren sie eine ganze Zeit nach dem Austritt noch eine feste Größe. Und wie kam es dann zum neuen Bund? Durch den Austritt aus dem BEJ/NWV und der daraus resultierenden Öffnung nach außen entstanden viele neue Kontakte zu anderen Wandervogelbünden. Auf gemeinsamen Wanderfahrten in den Jahren 1996 und 1997 merkten wir schnell, das uns mehr als nur Freundschaft verband. Der Zusammenschluss zu einem neuen Bund wurde 1996 auf Burg Streitwiesen bei einer Zusammenkunft der maßgeblichen Führer aller beteiligten Bünde erstmals offen diskutiert. Zusammen mit dem Wandervogel Wied, dem Bund der Wildgänse und dem Streitwieser Wandervogel aus Österreich wurde dann an Silvester 97/98 der neue Bund gegründet. Die ehemaligen Bünde gingen als neue Orden im Wandervogel – Bund für Jugendfahrten auf. Euer Bestreben war, so konnte man es lesen, der Nerother-Bewegung neues Leben einzuhauchen. Ist das aus eurer Sicht gelungen? Wir haben den Nerother Bund nicht neu gegründet; wir haben die Traditionslinien und die ursprüngliche Idee von Robert und Karl Oelbermann wieder aufgenommen und auf unseren Bund übertragen. Dabei haben wir die Weltfremdheit des gegenwärtigen Nerother Wandervogels abgeschüttelt. Wir bedienen uns moderner Medien, nutzen das Internet. Die Goten waren in dieser Hinsicht sehr prägend und der neue Bund ist in den Anfangsjahren recht schnell gewachsen. Ausschlaggebend waren da natürlich auch unsere Festvorträge mit Lichtbildern und Filmen unserer Bundesfahrten nach Südafrika, Australien oder die Spielfahrt durch Südamerika. Aus den bestehenden Gruppen gingen neue Gemeinschaften hervor, wie der Orden der Piraten in Süddeutschland, der Orden der Freibeuter bei Lüneburg oder die Spießgesellen in Tharandt bei Dresden. Die ehemalige DDR war zu dieser Zeit noch ein weißer Fleck auf der Wandervogellandkarte. Für eure Jungen dürfte die Abspaltung ein weniger interessanter Akt der Geschichte sein. Was ist es, das junge Menschen heute für den Wandervogel begeistert? Es stimmt, für unsere Jungen ist das eher unwichtig. Im Vordergrund stehen bei uns die Fahrten in alle Welt, aber auch durch die heimatlichen Gefilde, die nähere Umgebung. Wie vor hundert Jahren lassen sich junge Menschen auch heute noch dafür begeistern. Der Reiz der Ungebundenheit, die Nächte am Feuer, die Entbehrungen nach tagelangem Klotzmarsch, die man, einmal dabei gewesen, nicht mehr missen möchte. Viel schwieriger scheint es in der heutigen Zeit, genau diese Jugendlichen innerhalb der vielfältigen konkurrierenden Freizeitangebote zu erreichen und ihnen diese Botschaft zu vermitteln. Wenn man euch so hört, spielt die Rückkehr zu Traditionen eine große Rolle in der Gegenwart eures Bundes. Wie haltet ihr den Anschluss ans Heute? Allein die Nutzung des Internets heißt ja noch nicht viel … Das eine schließt bekanntlich das andere nicht aus. Das Bewahren der traditionellen Werte des ursprünglichen Nerotherbundes bedeutet ja noch lange nicht, dass wir den Anschluss an das Heute nicht halten. Und so, wie Robert Oelbermann es verstand, die modernen Medien seiner Zeit für den Bund zu nutzen, so nutzen wir sie in der heutigen Zeit, ohne uns dabei in einer virtuellen Welt zu verlieren. Gerade durch diese modernen Medien erreichen wir junge Menschen, die sonst vielleicht nie von uns erfahren hätten und können sie für den Wandervogel begeistern. Wo und wann kehrt ihr der Gesellschaft auch mal den Rücken? Wir wählen keine Abwendung von der Gesellschaft. Wir wirken auch nicht in die Gesellschaft hinein, wie zum Beispiel die Pfadfinder mit ihren sozialen Aspekten. Auf unseren Fahrten und Treffen versuchen wir jungen Menschen Tugenden zu vermitteln, die in der heutigen Gesellschaft immer mehr in den Hintergrund treten, wie zum Beispiel Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit, um nur einige zu nennen. So gesehen betreiben wir vielleicht eine Art Auslese. Ich vermute einmal, dass ihr recht viele Jungen aus den Reihen der Pfadfinder gewinnt oder dort abwerbt. Was findet der Pfadi bei euch, das er nicht auch andernorts schon haben konnte? Ich kann mich eigentlich nicht daran erinnern, dass wir Pfadfinder direkt abwerben; die meisten kommen von ganz alleine zu uns. Es sind auch vorwiegend die älteren Pfadfinder, die den Weg zu uns suchen. Ein Grund dürfte sicherlich die offene Altersstruktur bei uns sein, im Gegensatz zu der stufenorientierten Pfadfinderarbeit. Damit zusammenhängend ist der starke Zusammenhalt innerhalb unserer Gemeinschaften zu sehen, der unsere abenteuerlichen Fahrten auch für Jüngere erst möglich und interessant macht. Anders ausgedrückt: Bei uns gibt es keine pädagogische Konzeption, sondern die Freundschaft ist die Basis allen Gruppenlebens. Um aber auf deine Frage zurückzukommen: Wenn ein Junge zu uns passt, werben wir natürlich auch um seine Gunst. Ihr übernehmt Symbole, bedient euch der Traditionen, haltet Treffen auf dem Nerother Kopf ab … Seht ihr euch heimlich doch als die wahren Nerother? Wir wurden eher ein Opfer des Markenschutzgesetzes. Infolge dessen haben wir einiges abgelegt, was uns nach Ansicht von FM Schulz zu einer Kopie seines Bundes gemacht hätte. Ich muss hier ganz klar zum Ausdruck bringen, dass wir nicht der heutige Nerother Wandervogel sind und das auch nie sein können. Wir sehen uns in der Tradition des alten Nerotherbundes. Das bringen wir nach außen und innen zum Ausdruck, durch unser Auftreten, unsere Struktur, unser Singen und vor allem durch unsere Fahrten. Und das leben wir ganz offen als „Original“ der Idee, die ihren Ursprung unter anderem auf dem Nerother Kopf hatte. Viele, die vor zehn Jahren bei unserer Bundesgründung dabei waren, haben ihre Wurzeln im BEJ/NWV. Was uns unterscheidet, ist die gewählte Realität. Und eine bewusst gewählte Provokation gegenüber den anderen? Aus Sicht des BEJ/NWV sicherlich schon, nicht umsonst wird soviel Aufhebens um uns gemacht. Und doch waren die Reaktionen der Nerother auch ganz unterschiedlicher Natur. Die Altnerother, die unserem Bund folgten, sahen in unserer Gemeinschaft die ursprüngliche Idee eines Lebensbundes selbständiger Orden wieder verwirklicht, wie sie ihn aus der Zeit von Karl Oelbermann noch kannten. In unserem Bundesrundbrief 1/1998 anlässlich der Bundesgründung haben wir auch unmissverständlich klargemacht, dass wir Brücken schlagen wollen, anstatt Gräben aufzureißen. Wir haben unseren Bund nicht gegründet, um ihn gegen irgendetwas oder irgendjemanden anzuführen. Bis heute haben wir mit einigen wenigen Gruppen des BEJ/NWV Differenzen, aber wir wollen hier keine „schmutzige Wäsche“ waschen. Im Vordergrund steht die Zukunft des Wandervogel mit seinem brausenden Jungenleben. Okay, wo braust es denn zur Zeit besonders? Nach den Jahren des Wachstums kam mit dem ersten Bundesführerwechsel die große Zäsur. Der Generationswechsel machte sich auch in den Orden bemerkbar. Einige unserer Gruppen verloren an Mitgliedern und gingen teilweise komplett ein. Letztes Jahr zu Pfingsten wurde aber ein neuer Orden gegründet. In Süddeutschland und Österreich verzeichnen wir steigende Mitgliederzahlen. Die Goten, die man ja als die Keimzelle unseres Bundes bezeichnen kann und die immer ein Gradmesser für den Qualitätsanspruch des Bundes waren, stehen nach einem Wechsel in der Ordensführung mit vier Fähnlein wieder mit an vorderster Stelle. Wir starten voller Optimismus in unser Jubiläumsjahr. Wie begeht ihr euer Jubiläum? Auftakt war der traditionelle Hatschitippel über Silvester von der Burg Waldeck nach Neroth, wo wir am Bundesfeuer auf dem Nerother Kopf den zehnten Jahrestag unserer Bundesgründung begingen. Wird man auch wieder überbündisch von euch hören? Die Tingelei über die allseits bekannten Feste ist nicht unsere Sache. Wir wägen genau ab, wo wir in der bündischen Öffentlichkeit in Erscheinung treten. Die meisten überbündischen Feste und Veranstaltungen sind eher was für die, die das Alter dazu haben und dem aktiven Gruppen- und Fahrtenbetrieb weitgehend entwachsen sind. Zum Jubiläum darf uns diese schwerwiegende Abschlussfrage erlaubt sein: Hat die Wandervogelidee eine Zukunft? Solange sich junge Menschen zusammenfinden, die den Drang nach Selbstverwirklichung und Freiheit spüren und dies auch gemeinsam auf Fahrt leben, wird die Wandervogelidee weiterbestehen. Diese Überzeugung gibt uns auch die Kraft, weiter an unserem Wandervogelbund zu bauen. Das Gespräch führte Florian (eisbrecher) / Quelle: >>> Wandervogel - Bund für Jugendfahrten |
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