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  Vor 30 Jahren starb Sid Vicious und mit ihm Punk  
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Gloriose Verachtung / Vor 30 Jahren starb Sid Vicious und mit ihm Punk. Seinen Namen verdankt das Genre einem New Yorker Journalisten

Nancy starb in den frühen Morgenstunden. Um 2.30 Uhr hatte sie noch nebenan um Dilaudid - ein extrem starkes Schmerzmittel - gebettelt, um 7.30 Uhr waren angeblich gedämpfte Stimmen aus dem Zimmer zu hören, um 10 Uhr rief Sid Vicious die Rezeption an, stammelte, er habe sie umgebracht. Das ist alles, was man mit Sicherheit weiß.

Im Oktober 1978 ist Nancy Spungen unter einem Waschbecken im Chelsea Hotel an Messerstichen verblutet, und Sid wurde verhaftet. Vier Monate später erfüllte Sid Vicious, der Bassist der Sex Pistols, seinen Teil der Abmachung, wie er gesagt haben soll. Er starb am 2. Februar 1979 an einer Überdosis Heroin. Mit seinem Tod ist auch der Punk über Nacht begraben worden. Seither gilt er als Ikone des nihilistischen Lebensgefühls, das, pophistorisch gesehen, Punk genannt wird.

Dass Sid Vicious seine große Liebe Nancy Spungen ermordet habe, glaubt heute niemand mehr. Howie Pyro von der New Yorker Punkband The Blessed erzählte dem New Yorker, dass Nancy so besessen von Aufmerksamkeit gewesen sei, dass er glaube, sie habe sich selbst erstochen in der Annahme, Sid werde sie retten. Aber Sid hatte sicher wieder eine Handvoll Barbiturate geschluckt - Schmerzmittel die bei unkomplizierten Patienten zur Einleitung von Vollnarkosen verwendet werden. Und dann sagt Pyro noch, dass Nancy Sid ziemlich fest im Griff gehabt habe. "Ich glaube nicht, dass er sie umgebracht hätte, es sei denn, sie hat es ihm gesagt."



Johnny Rotten war die Stimme des Punk, Sid Vicious (Foto) verkörperte ihn. Dass er nicht Bass spielen konnte, war kein nebensächliches Detail.

Eine verdammte Müllkippe
Der Musikjournalist Legs McNeil hat die Punkzeit in Manhattan ebenfalls überlebt. Er sagt: "Sid war wirklich nicht der hellste. Johnny (Rotten) nannte ihn "Sid Vicious" und meinte das natürlich ironisch. Aber Sid nahm es ernst." McNeil gründete Mitte der siebziger Jahre das Punk Magazine, dem das Genre seinen Namen verdankt, und verspottete alles, was sich musikalisch in die Öffentlichkeit traute. "Wir waren die ersten, die über die Musik und die Leute um den Club CBGB schrieben." Die Außenseiter und von der Hippie-Bewegung Gelangweilten sammelten sich in der Lower East Side Manhattans. Das Magazin hatte ein Büro, das sie "Dump Punk" nannten. "Es war eine verdammte Müllkippe", sagt McNeil, "eine ehemalige Ladenfront direkt dort, wo der Lincoln Tunnel anfängt." Schon damals war hier immer Stau, und Transvestiten waren den Pendlern aus New Jersey zu Diensten, die dachten, es handelte sich um echte Frauen. Gleich um die Ecke wohnte Nancy. "Sie ließ uns bei sich duschen, machte Rührei und hatte immer Zeit für einen Plausch."

Heute ist Nancy nicht mehr als eine verblasste Rock"n"Roll-Fußnote, dabei lassen McNeils Erinnerungen sie in einem anderen Licht erscheinen. Man kann die Geschichte vom Ende des Punk, dem Tod Sid Vicious", nicht ohne die Geschichte von Nancy erzählen. Während sich Sid in der aufkeimenden Londoner Punkszene einen Namen machte, hatte sich Nancy als Groupie in Manhattan an die Fersen der New York Dolls und der Heartbreakers geheftet. Bereits mit 17 Jahren hatte sie beschlossen in New York unterzugehen. Sie strippte und stand am Times Square, war heroinsüchtig und hatte ihre Mutter mit einem Messer bedroht. Sid dagegen war schüchtern, hatte einen Hang zur Selbstzerstörung und einen Faible für Anarchie und Rebellion. Eigentlich hieß er John Simon Ritchie. Das war der Name seines Vaters, den seine Mutter Anne Beverly Sid gab, weil sie hoffte, dass er so zu ihr zurückkäme. Sie wartete vergebens und verschuldete sich schwer. Nachts arbeitete sie in einem Jazz Club in Soho und war bald heroinsüchtig. Sid war meistens allein und verbrachte immer mehr Zeit in der Kings Road. Dort war die Modeboutique von Malcolm McLaren, dem Manager der Sex Pistols. McLaren wusste vom ersten Moment an, dass Sid genau das war, was die Pistols brauchten. Sid war Punk. Und er passte perfekt zum frenetischen Johnny Rotten.



Nancy Spungen und Sid Vicious

Schwere Körperverletzungen
"Wenn Rotten die Stimme des Punk war, dann war Sid seine Attitüde", sagte McLaren einmal. Sid kannte kein Limit. Als der Bassist Glen Matlock die Band 1977 verließ, war Sid dabei. Dass er nicht Bass spielen konnte, war kein nebensächliches Detail. Es unterstrich die Botschaft der Band. "Auf den Konzerten drehten sie Sids Verstärker immer stumm", erzählt Mc Neil grinsend.

In den späten siebziger Jahren waren die Sex Pistols, die Band des Moments. Sie wurden bekannt - und berüchtigt. Überall wo sie auftauchten, durfte mit schweren Körperverletzungen gerechnet werden. Nach der Veröffentlichung ihrer ersten Single "Anarchy In The UK" verfluchten sie bei einem Fernsehauftritt ausgiebig einen kritischen Journalisten. Es kostete sie einige Konzert-Engagements, machte sie aber nur noch berühmter. Immer deutlicher wurde, dass die Band nicht nur wegen ihrer denkbar rohen Musik geliebt wurde.

Im März 1977 unterzeichneten die Sex Pistols PR-wirksam vor dem Buckingham Palace ihren neuen Plattenvertrag mit A&M . Bereits im Frühling wechselten sie zu Virgin und veröffentlichten die Single "God Save The Queen". Auf dem Cover war Queen Elizabeth zu sehen. In ihrer Nase steckte eine Sicherheitsnadel. Natürlich wurde die Platte verboten. Die beiden Singles "Pretty Vacant" und "Holidays in the Sun" belegten obere Chartplätze, obwohl sich viele Händler weigerten, das Album zu verkaufen. Viele Veranstalter sagten Sex-Pistols-Auftritte ab, weil sie Angst vor der Gewalt und Zerstörungswut der Fans hatten. Jeder, so schien es, hatte von ihnen gehört, aber nur echte Fans kannten die Musik.

Sid war aggressiv, aufsässig, unverschämt und in jeder Situation offensiv. Punk war die Antithese zur bürgerlichen Mittelklasse-Moral: Drogen, Sicherheitsnadeln, Schmutz und nie mehr als fast nichts bezahlen. Die erste Welle des Punk konfrontierte die Gesellschaft mit glorioser Verachtung. "Wir waren es leid, nett zu sein. Wir fanden alles schlecht. Die Linken genauso wie die Republikaner und den ganzen PoliticalCorrectness-Kram. Punk wollte die Leute wieder aufrütteln."

Nancy war sogar für eine Bewegung, die am äußersten Rand ihre Mitte hatte, zu extrem und war nie so akzeptiert, wie sie es sich wünschte. "Ekelerregende Nancy" sei sie genannt worden, erinnert sich Legs McNeil. Band-Groupies waren hübsch, schlank und modisch. Dann kam Nancy. Sie war nicht nett und nicht charmant. Statt zu behaupten, dass sie Model oder Tänzerin sei, kaufte sie für die Musiker Drogen. Die anderen Groupies mobbten Nancy, was sie nur noch aggressiver machte. Im Frühjahr 1977 war New York für Nancy zur No-go-Area geworden. Sie zog nach London, wo sie fast zwangsläufig auf den Bassisten der weltweit größten Punkband und wandelnden Inbegriff des nihilistischen Lebensgefühls namens Punk traf.



Johnny Rotten

Irre Junkies
Im Januar 1978 ging die Band in Amerika auf Tour. McNeil flog nach Kalifornien, nachdem er für das Punk Magazine schon Lou Reed, die Ramones und Patti Smith interviewt hatte. Er traf die Sex Pistols nach ihrer Show im Winterland Ballroom. Die Nerven lagen blank. Der exzessive Drogenkonsum der Band forderte seinen Tribut und führte schließlich zur Auflösung der Band. "Habt ihr jemals das Gefühl gehabt, betrogen worden zu sein?", hatte Rotten laut schreiend während des Konzerts gefragt. Es war ihr größtes Publikum und schlechtester Auftritt gewesen. Am nächsten Tag war alles vorbei.

Johnny Rotten hatte Sid Vicious unzählige Male angefleht, sich von Nancy zu trennen, weil er wusste, dass sie Sid brauchten und Nancy alles zerstören würde. Aber Sid und Nancy waren unzertrennlich, in einer ungesunden, fast kindischen Weise. Neben ihrer sexuellen Beziehung fand Sid in Nancy eine Mutter und Nancy in Sid jemanden, den sie dominieren konnte. Sie war die einzige Person, auf die Sid hörte. Legs Mc Neil meint, dass Sid nichts interessierte - außer Heroin und Nancy. Malcolm McLaren schreibt in seinem Buch "Sid Vicious: Rock"n"Roll Star", dass er aussah wie ein Rentner und sich bewegen ließ wie eine Puppe und dass Nancy alles tat, um die Presse gegen sie aufzubringen und jeden, der helfen wollte, vergraulte.

Das Liebespaar der Punk-Tragödie zog nach Manhattan zurück, ins Chelsea Hotel. Sid versuchte sich an einer Solokarriere, und Nancy nannte sich seine Managerin. Das Hotel sollte ihrer Karriere als Punk-Promis auf die Sprünge helfen, doch in Wirklichkeit ging es nur noch um Drogen. Schon damals war das Chelsea Hotel ein besonderer Ort der Popkultur. Der walisische Dichter Dylan Thomas war dort an seiner Alkoholsucht gestorben, Jack Kerouac hatte im Hotel den Beatnik-Klassiker "On the Road" verfasst - und das Groupie Nancy Spungen sollte hier im Drogenrausch das Leben lassen.

Legs McNeil ist seit 21 Jahren trockener Alkoholiker, der immer noch seine engen, schwarzen Jeans trägt und mit der Exfreundin Joey Ramones zusammenlebt. Er lebt jetzt in einem kleinen Haus im ländlichen Pennsylvania, das ziemlich verlassen aussieht. Die Fenster sind verbarrikadiert, umgekippte Möbel verwittern auf der Veranda. Er mag die Stadt nicht mehr und die Menschen auch nicht. "Ich hatte nicht geplant, so lange zu leben", sagt er. Punk funktioniert nicht lebenslänglich. Sid Vicious starb mit 21.

 

(aus: SZ, 2. 2. 2009)

 
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30. April 2018: Dank Kafe konnte das Buch des Grauen Reiters von 1954 digitalisiert werden. Ein Paar Seiten findet ihr dann im neuem Heft. Eventuell wird es einen Nachdruck geben!



Februar 2018: Arbeiten am neuen Heft beginnen. Thema: "Der Haddak"



Juni 2017: Der Graue Reiter 126/127/128 ist noch vor Pfingsten fertig geworden und schon auf dem Weg zum Bundeslager!



November 2016: Die Reihe der "rot-grauen blätter" wird weitergeführt. Nummer 100 und Nr. 101 stehen zum Download zur Verfügung. Alte Nummer leider aus rechtlichen Gründen nicht mehr. >>> Hier geht's zur Nummer 101.



Der Graue Reiter 130 ist zzt. ebenfalls in Arbeit. Mit dieser Dokumentation soll das Kapitel "GRAUE REITER in der
DDR" aufgearbeitet werden. Erscheinungstermin ist für Winter 2018 geplant. Im Moment beträgt der Umfang 54 Seiten. In nächster Zeit wird es noch ein paar Fahrten in den Osten geben, um Zeitzeugen zu befragen und weiteres Material zusammenzutragen.