home sitemap services impressum  
publikationen der bund die burg jugendbewegung ars sonstiges

kontakt
Armin, Müller
e-mail: info@schriftleitung.org
suche

 
  Wider die Stubenhocker - 100 Jahre Jugendherberge  
Home » jugendbewegung » Wider die Stubenhocker - 100 Jahre Jugendherberge

Wider die Stubenhocker / Vor 100 Jahren eröffnete die erste Jugendherberge in Deutschland - Der einstige Hort der Wanderjugend wird nun von Backpackern gestürmt

Es gibt Abenteuer, die allen gehören. Jeder war einmal zum ersten Mal fort von zu Hause, jeder hätte eine Postkarte wie diese schreiben können: "Liebe Eltern, bin hier um halb eins gut angekommen. Zum Mittag gab es grüne Bohnen. Nach dem Schreiben sonn ich mich ein bisschen. Das kleine Häuschen ist der Schlafsaal. Zwei Betten stehen übereinander. Ich schlafe unten."

Speisesaal und Etagenbett. Tischdienst. Strikte Nachtruhe, nur Minuten nach 22 Uhr durchgesetzt vom Herbergsvater höchstpersönlich in seinem Schlafanzug und den Pantoffeln. Hundert Jahre sind ein Tag, betrachtet man die Erinnerungen der Deutschen an ihre Jugendherbergen. Denn zwar mag es ein weiter Weg gewesen sein von Selbstversorgung und Wander-Erbswurst hin zu Schokoladenpudding und Spaghetti Bolognese, der Parmesan dazu extra abgepackt in weißen Tütchen. Doch selbst heute, in den Spitzenherbergen längst angekommen bei Salat-Buffet und "outdoor-cooking", scheint der Bildstock kollektiver Erinnerungen auf merkwürdige Art und Weise der Zeit entrückt.

Denn wenn jetzt das Konzept der Jugendherberge hundert Jahre alt wird, so jährt sich damit vor allem die Idee, jeden einzelnen Heranwachsenden fern von allen konkreten Zeitbezügen sein eigenes Glück probieren zu lassen. Abschied von den Eltern, versuchsweiser Ausbruch hinaus aus dem Alltag, und das über so viele Generationen hinweg in nahezu ungebrochener Kette, dass ihnen allen über lange Jahrzehnte hinweg immer wieder die gleiche Geschichte widerfuhr.

Nur ein Augenblick scheint vergangen, seit der Aufbruch zu einem Jugendausflug noch die Tat von Pionieren war. Die Freundeskreise, Wandervögel und "wandernden Schulen", die sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aus grauer Städte Mauern in weite Flur hinein aufmachten, waren Wegbereiter des modernen Tourismus. Zuerst, selbstredend bei strikter Geschlechtertrennung, zogen Söhne und Töchter in die Welt, erst Jahrzehnte später folgten ihre Eltern.



Vom harten Stockbett zur Wellness-Oase – auch die deutschen Jugendherbergen haben sich dem Zeitgeist angepasst: Das Thermalbecken gehört zur Unterkunft in Bad Wildbad, die Stockbetten mit den drei Etagen zu dem Jungen-Schlafsaal von 1915 in Burg Altenau (Bild unten). Hier wurde die erste Jugendherberge eingerichtet. Fotos: ddp, dpa

Die endeten dann im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit auf den Handtüchern des Teutonengrill. Die Jugendherbergen der Kinder dagegen waren nicht zum Liegen, sondern zum Leben gedacht. Richard Schirrmann, der 1874 geborene jugendbewegte "Erfinder" des Herbergs-Gedanken, siedelte mit seinen Ideen tief im lebensreformerischen Milieu. Diffus zwischen Zivilisationskritik und Agrarromantik schwankend, wurde darüber nachgedacht, wie der neue, noch zu schaffende Mensch den Härten der Moderne trotzen könne. Schirrmann war Lehrer im Ruhrpott, dann im Sauerland. Er muss pädagogischer Visionär durch und durch gewesen sein, träumte noch im hohen Alter auch mal von "fliegenden Jugendherbergen als Verbindungsträgern zwischen den Kontinenten". Sein Unterrichtskonzept in jungen Jahren aber, durchgeführt gegen den Widerstand der Schulbehörden, hieß "Wanderunterricht".

Dieser Unterricht, gerichtet gegen jede Form von "Stubenhockerei" und "Stadtverkäfigung", führte genau heute vor hundert Jahren zum Geburtsmythos der Jugendherberge: Im Tal der Bröl, eines Nebenflusses der Sieg, geriet Schirrmann auf Wanderfahrt mit einer Schulklasse in ein Gewitter und durchwachte die Nacht in einer leerstehenden Schule. "Plötzlich überfiel mich der Gedanke: Jedem wanderwichtigen Ort in Tagesmarschabständen gleich Schule und Turnhalle auch eine gastliche Jugendherberge zur Einkehr für die wanderfrohe Jugend Deutschlands ohne Unterschied."



Ohne Unterschied, das war die Zauberformel für die explosionsartige Ausbreitung von Jugendherbergen innerhalb der nächsten Jahre. Wie auf einer Plattform trafen vor und stärker noch nach dem ersten Weltkrieg in Jugendherbergen unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppierungen aufeinander. Auf den Seiten des Gästebuchs der westfälischen "Mutterjugendherberge" Altena finden sich Einträge von proletarischen und bürgerlichen, kirchlichen, bündischen und nationalistischen Gruppen. Im überparteilichen Zeichen von Jugend und Wanderschaft entstanden Orte einer übergreifenden Freizeitkultur, wie es sie zuvor in Deutschland nicht gegeben hatte.

Differenzen wurden so zwar erlebt, waren aber nicht entscheidend. Einer wie der andere trugen die Mädchen und Jungen auf Wanderschaft ihre Röcke und kurzen Hosen, sangen ihre jeweiligen Lieder und folgten den strikten Herbergsgesetzen mit ihrem notorischen Alkohol- und Nikotinverbot. Die Historikerin Barbara Stambolis, gemeinsam mit Jürgen Reulecke Herausgeberin einer zum Jubiläum vom deutschen Jugendherbergsverband in Auftrag gegebenen Selbstverortung (100 Jahre Jugendherbergen. Klartext Verlag, Essen 2009), beschreibt die gleichzeitige allmähliche Erhitzung der Gesellschaftslage während der Weimarer Republik als kaum darstellbar am Nicht-Ort der Jugendherberge. So knapp und allgemein wie der obere Grüne-Bohnen-Postkartengruß - er stammt von 1930 - scheint jedes auffindbare persönliche Erlebnis weit entfernt von gesellschaftlicher Konfrontation. Befasst waren die Jugendlichen vor allem und zum ersten Mal mit sich selbst.



Allmählich aber verschwanden einzelne Gruppen aus den Herbergen, rückten die Gäste zunehmend in Uniform an. 1933 übernahm die Hitlerjugend das Herbergswerk, Schirrmann und andere Protagonisten fügten sich butterweich in die neuen Verhältnisse. An Stelle des freien Wanderns traten die Schulung, das Pimpfen-Lager, der Marsch.

Nach dem Zusammenbruch ist dann auf Seiten der BRD alles so gekittet worden, wie es für das Erleben der Jugendlichen nicht lange vorher auch schon gewesen war. Knarrende Stockbetten und lauwarmer Muckefuck. Weiße Nesselschlafsäcke, über die die Wolldecken gelegt wurden. Graubrot und Hagebuttentee. Eine gewisse Wanderbehaglichkeit, dabei aber doch immer noch und immer wieder der erste Aufbruch hinaus in das eigene Leben.

Wie auf Ostseite, wo die neue FDJ-Staatsjugend die Herbergen in strikter Vernetzung mit ihren sozialistischen Bruderorganisationen führte und gewaltige Jugenderholungszentren mit bis zu 1300 Betten errichtete, waren diese Aufbrüche bald schon nicht mehr an das eigene Land gebunden. Als stärkstes Einzelmitglied erlebte der deutsche Jugendherbergsverband den internationalen Aufstieg der Herbergsidee zum größten Non-Profit-Zimmerservice der Welt. Heute gibt es 4000 Jugendherbergen rund um den Globus, von Kobe in Japan bis Kapstadt. International wie national florieren die Jugendherbergswerke, in Deutschland zählen die etwa 500 Herbergen derzeit jährlich etwa zehn Millionen Übernachtungen.



Aber etwas ist heute dennoch anders als bis noch weit in die Bundesrepublik hinein. Eine schleichende Umwälzung hat stattgefunden, die den Erinnerungsort Jugendherberge markanter und grundsätzlicher als beide Weltkriege verändert. Liest man mit Augenmerk darauf die beiden schönen und wohlgesinnten Reden, die die jeweils amtierenden Bundespräsidenten 1959 zum fünfzigsten und jetzt zum hundertsten Geburtstag der Jugendherberge gehalten haben, wird deutlich: Es ist eine Umwälzung, die die Veränderung der Zivilgesellschaft von Grund auf beschreibt.

Denn der erste Bundespräsident Theodor Heuss wie der neunte Bundespräsident Horst Köhler schöpfen in ihren Geburstagsreden ganz selbstverständlich aus dem jeweils eigenen Erfahrungsschatz: Heuss erzählt von seinen Wanderungen nach 1890 durch das deutsche Mittelgebirge, Köhler berichtet von prägenden Pfadfinderjahren in der Nachkriegszeit. Unterwegs war er meist mit dem Rad.

Und geknackst hat es erst lange danach. Im Schlepp von 1968 und Sozialstaats-Umbau sind erst Ende der siebziger Jahre plötzlich die Jugendlichen ausgeblieben. Die Gesellschaft und mit ihr der Lernort Schule splitterte auf. Gestrichen und verloren wurden Kernelemente der alten Bundesrepublik wie etwa die von öffentlicher Hand geförderten Erholungsfreizeiten in Jugendherbergen, mit denen Großstadtkinder an die Landluft gebracht werden sollten.

Darauf haben die deutschen Jugendherbergen nach einem Jahrzehnt der Stagnation kräftig reagiert, seit Anfang der neunziger Jahre sind sie der Jugend von heute ebenso wie allen anderen Reisenden auf den Fersen. Offiziell fast unbeeindruckt von der neuen Billig-Konkurrenz durch städtische Hostel-Ketten kämpfen sie um Kunden, rollen mit Schwerpunktsetzungen wie Sport, Wellness oder Umwelt Teppiche in die verschiedensten Richtungen aus. Vom Konferenzsaal über Wlan-Hotspot bis hin zu umweltgerechter Lebensmittelkühlung in Erdlöchern werden die Wünsche von Einzelreisenden, Familien und nach wie vor vor allem Schülern in Einzelanfertigung erfüllt. Wo kein Unterschied sein sollte, macht nun jedes Angebot den ständigen Unterschied.

Für Wehmut aber ist dennoch keine Zeit bei immerhin zwei Millionen Deutschen, die aktuell einen Herbergsausweis besitzen. Gemeinsam mit schweigsamen Gruppenreisenden aus Fernost, transatlantischen Backpack-Veteranen und Vereinsausflüglern aus der europäischen Nachbarschaft schleppen sie auch heute Abend nach der "Anmelde" wieder ihre Rucksäcke und Rollkoffer hinauf auf ihre Zimmer. Bei den Schülergruppen gibt es Streit um die Raumverteilung, ihre Lehrer kennen das schon. Und vom modernen "Feng-Shui-Appartement" bis hin zu den letzten größeren Schlafsälen werden dann überall erst einmal die Betten bezogen. Die eine Hälfte schläft oben, die andere unten.



(aus: SZ, 26. 8. 2009)

 
Veranstaltung: Jugend im Umb...
Mit Jonas durch den Dschunge...
Wider die Stubenhocker - 100...
Freundschaft um jeden Preis ...
Freundeskreis Burgund: Gründ...
Hofakademie 2009: CPC lädt e...
HDJ endlich verboten!
Einladung: Südforum und West...
Bündische Akademie 2009 - Fr...
Überbündisches Segeln 2009
FeG und BPS gehen ab April 2...
Vor 30 Jahren starb Sid Vici...
Bücher zum Thema "tusk"
Vor 75 Jahren: Kampf um das ...
"Bund und Staat": ein Angrif...
Aufruf zu einer Initiative f...
Podcast: Aus grauer Städte M...
Jugendliche fordern "Mehr Ta...
Wandervogel - Bund für Jugen...
"Mädel verpflichtet": Nazi-W...
Götz Kubitschek will der Anf...
Wandervogel - Bund für Jugen...
1949: 50 Jahre Deutsche Juge...
Meißnerlager 2013
Kritik an US-Boy-Scouts
Vor 40 Jahren: das Ende eine...
Pfadfinder zu Gast beim Bund...
Pfadfinder - das Finderprinz...
swobl schreibt über den GRAU...
Die Manager vom Lagerfeuer -...
Die Stadt Ulm und ihr belast...
Bündische Jugend: das NS-Ver...
Ehrung von Edelweißpiraten
Unterwegs im Wunderland - Li...
Lohr: Nenozazis verändern ei...
Kriegsende für einen Hitlerj...
Walter Mossmann
Ring junger Bünde (RjB)
Geschichte der dt. Jugendbew...
Burg Balduinstein
75 Jahre Pfadfinderbewegung ...
Zelte in der deutschen Jugen...
Copyright © 2004 schriftleitung.org
 

Logbuch 002
das lgb 002 mit einem Fahrtenbericht aus Sardinien ist erschienen!
>>> weiter




Flyer Spendenaufruf Dachstuhlsanierung
Hohen Krähen (Juli 2009)
>>> weiter



Der GRAUE REITER
120 und 121
>>> weiter