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Mit Jonas durch den Dschungel /
Eine Ausstellung in Seeon würdigt den Abenteurer und Schriftsteller Herbert Rittlinger

Seeon - Einmal, auf dem Atoll Kapingamaringi in der Südsee, hätte es Herbert Rittlinger fast erwischt. Da zog ihn eine dieser faszinierenden Landschaften, die er sein Leben lang gesucht hat, so in den Bann, dass er beinahe für immer geblieben wäre. Doch tief drinnen in ihm gab es ein noch stärkeres Gefühl, diesen Drang, wieder etwas Neues zu entdecken. Also brach er auf nach Neuguinea, um die Kukukuku, die berüchtigten Stämme im Landesinneren, zu suchen. Die waren allerdings, als er sie nach Wochen fand, wenig begeistert. Sie trommelten die Nacht über und überfielen dann das Lager Rittlingers und seiner Träger, nur mit Schüssen in die Luft konnten die Reisenden sich retten. Da ihn diese Art von Erlebnis nicht dazu anregte, länger zu verweilen, machte Rittlinger es nach zwei Jahren Weltreise wie gewohnt: Er kehrte nach Deutschland zurück und verarbeitete seine Eindrücke zu einem der Bücher, die ihn zwischen den dreißiger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Reiseschriftsteller machten. Heuer wäre der fast vergessene Abenteurer, Kanu-Pionier, Literat und Fotograf Herbert Rittlinger 100 Jahre alt geworden.



Marianne Rittlinger und ein Expeditionsteilnehmer im Jahr 1957
auf dem Heiligen See der Lakandonen in Mittelamerika


Aus diesem Anlass hat seine Tochter Judith Steinbacher in seinem langjährigen Wohnort Seeon eine Ausstellung zusammengestellt, die die wichtigsten Stationen seines Lebens beleuchtet. Vor allem Fotos, aber auch Erinnerungsstücke wie der Pfeil eines Lakandonenhäuptlings oder Krokodilzähne dokumentieren seine Expeditionen, die ihn in damals weitgehend unerforschte Regionen führten. Allerdings vermied es Rittlinger, wenn irgendwie möglich, sich auf den Beinen durch die Wildnis zu schlagen, sein bevorzugtes Element war das Wasser, je reißender und unbekannter, desto lieber. Sein wichtigster Begleiter mit Namen Jonas war deshalb kein Mensch, sondern ein Faltboot. Er fuhr als Erster mit solch einem Kanu den Amazonas von den Quellen bis zur Mündung hinab, er war auf dem Blauen Nil in Äthiopien unterwegs, und er suchte den Rio Azul aufwärts das Volk der Lakandonen, Nachfahren der Maya. Als Naturalist war er gerne in gleicher Erscheinung wie die Urvölker unterwegs, ohne Hemd und ohne Hose. "Es macht mir Spaß, in Gegenden zu gehen, in denen noch kein halbwegs Vernünftiger vor mir war", hat er in seinem Buch "Ganz allein am Amazonas" geschrieben.



1954 bildete der Abenteurer, Dichter und Fotograf Herbert Rittlinger seine Frau
auf dem Roten Meer vor Kamelen ab.


Rittlinger wurde am 26. Dezember 1909 in Leipzig geboren und entdeckte schon dort seine zwei großen Leidenschaften: die Literatur und den Kanusport. Mit 20 Jahren trieb es ihn erstmals in die Ferne, er befuhr die Bistritz in den Karpaten und den Euphrat in Kurdistan. Sein Bericht "Faltboot stößt vor" wurde gut angenommen. Eine Zeitschrift finanzierte ihm für Reiseberichte eine zweijährige Tour in die Südsee ("Die größte Schwierigkeit war dabei, 6000 Mark Honorarvorschuss abzuarbeiten"). 1936 brach er zum Amazonas auf. Mit dieser Fahrt wurde Rittlinger zum Idol ganzer Generationen von Kanuten, die ihn im Gegensatz zur Literaturszene bis heute nicht vergessen haben. Wieder zurück heiratete er Marianne, von ihm stets Aveckle genannt (hergeleitet vom französischen "avec" und dann im Deutschen verniedlicht), die ihn auf vielen Touren begleiten sollte. Den Krieg verbrachte er zuerst als Kriegsberichterstatter für die Nazis, die späten Jahre als Agent am Bosporus. Danach zog er in den Chiemgau, den er als ambitionierter Reiseschriftsteller und Romancier bis zu seinem Lebensende nur noch für Expeditionen länger verließ. Die Zeit beschrieb sein Leben dort im Jahr 1950 so: "In der Gemeindekartei wird er zwar ordnungsgemäß als Schriftsteller geführt, man hält ihn aber eher für eine Art Buchdrucker und vermutet, dass er arbeitslos ist, da er es sich leisten kann, am helllichten Tag mit seinem Töchterchen spazieren zu gehen, schlimmer noch, wochentags zum Chiemsee zu radeln, um dort zu baden."

"Herbert Rittlinger - der Dichter im Kajak", im Kloster Seeon, Klosterweg 1, bis 31.10.09, täglich 10 - 17 Uhr, mehr Informationen unter www.kloster-seeon.de



Hier steht Rittlinger selbst mit Trägern in Neuguinea zusammen. Fotos: oh

(SZ, 3. 9. 2009)

 
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